Die SPD liegt ihrem neuen Hoffnungsträger zu Füßen, ein Ruck geht durch die Partei, der Wahlkampf scheint auf einmal wieder spannend. Das ist der erste Eindruck, fünf Tage nachdem Martin Schulz in der vergangenen Woche etwas überstürzt nominiert worden war. Es folgten fünftägige Schulz-Festspiele, die mit dem Auftritt des SPD-Kanzlerkandidaten und designierten Parteivorsitzenden in der ARD-Sendung Anne Will erst einmal zu Ende gingen.

Zuvor hatte Schulz in der Parteizentrale in Berlin seine erste programmatische Rede gehalten, in der er aber kaum neue inhaltliche Akzente setzte. Würde Schulz bei Anne Will konkreter werden?

Zunächst geht es um seine Person, da Schulz als Europapolitiker vielen in Deutschland bislang kaum bekannt ist. "Ich will Kanzler werden", formuliert der Kandidat selbstbewusst. Ob er zur Selbstüberschätzung neige, hakt Anne Will nach, schließlich ist der Abstand der SPD zur Union immer noch beträchtlich. Schulz erzählt wieder die Geschichte, wie er als junger Mann durch seine Alkoholsucht vom Weg abkam und dass er das Glück gehabt habe, Freunde und Familie gehabt zu haben, die ihm geholfen hätten. Und er habe sich auch von seinem unrealistischen Traum verabschieden müssen, Profifußballer zu werden.

Dieser offene Umgang mit eigenen Schwächen macht Schulz bei vielen sicher sympathisch. "Ich habe gelernt, mich selbstkritisch zu hinterfragen", sagt Schulz. Und deshalb habe er den Vorschlag von Sigmar Gabriel, Kanzlerkandidat und SPD-Chef zu werden, auch "sehr gründlich überlegt". Aber dann habe er beherzt zugegriffen.

Selbstzweifel scheinen in der Tat nicht das Markenzeichen von Schulz zu sein. "Wir haben eine realistische Chance, die Bundestagswahl zu gewinnen und stärkste Partei zu werden. Alles ist möglich", sagt er mit Nachdruck. Niemand soll glauben, dass hier einer antritt, der wie Frank-Walter Steinmeier 2009 und Peer Steinbrück 2013 eine erwartete herbe Niederlage abholen will.

Anne Will will aber vor allem wissen, worin sich denn seine Politik von der von Sigmar Gabriel unterscheidet, der eigentlich als Kanzlerkandidat erwartet worden war: "Was ist neu? Was ist so sehr Schulz?", fragt sie immer wieder nach. Und zitiert eine Umfrage, wonach die Mehrheit der Deutschen zwar ein Gefühl für Schulz haben, aber 65 Prozent nicht wissen, wofür er steht. Da wird es etwas ungemütlich, denn der Gast weicht dieser Frage hartnäckig aus.

Stattdessen formuliert er die bereits bekannten Ziele der SPD: In Deutschland müssten wieder Solidarität und Gerechtigkeit herrschen. Menschen, die hart arbeiteten, müssten ein höheres Einkommen und einen sicheren Job haben, damit sie im Alter eine ausreichende Rente hätten. Er erwähnt die Steuerflucht, die er bekämpfen will und die wachsende Alltagskriminalität. Wer sich nicht an die Regeln halte, müsse die volle Härte des Rechtsstaats spüren. Alles klassische sozialdemokratische Positionen, die auch Gabriel vertreten hätte. Kein einziger Punkt neu, keiner linker oder rechter als bisher bei der SPD.

Schulz legt aber offensichtlich wenig Wert auf große programmatische Neuerungen. Wichtig ist ihm ein anderes Auftreten: Empathie für die Sorgen und Nöte der Menschen. Man müsse ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Und das traut er sich selbst zu.