Martin Schulz ist in seinen Reden oft am stärksten, wenn er schimpft. Im rheinischen Singsang wirkt auch das fast fröhlich. Wenn Schulz mault, klingt es leidenschaftlich und mobilisierend, nicht bedrohlich. Das ist vielleicht der auffälligste Unterschied zu Noch-Parteichef Sigmar Gabriel in Sachen Außenwirkung.

In seiner ersten Rede als offizieller Kanzlerkandidat der SPD hat sich Schulz am Sonntag die Nörgler an seiner Biografie zur Brust genommen: "Was wurde mir nicht alles vorgeworfen? Dass ich kein Abitur habe, nie studierte und dass ich aus der Provinz komme", ruft der SPD-Politiker in die vollbesetzte Berliner Parteizentrale. All diese Dinge sehe er aber nicht als Makel für den Wahlkampf, die würden ihn vielmehr verbinden mit den meisten Menschen im Land.

Genüsslich formuliert Schulz den folgenden Satz: "Nach meinem Verständnis muss ein Bundeskanzler für die Alltagssorgen, für die Hoffnungen wie für die Ängste aller Menschen nicht nur Verständnis, sondern tiefe Empathie empfinden. Sonst ist er oder sie fehl am Platz." Und die SPD jubelt ihm so laut zu, als habe er gerade den Wahlsieg über Angela Merkel verkündet.

"Ich weiß, was es bedeutet, wenn man vom Weg abkommt"

Schulz, das wird in seiner eineinhalbstündigen Rede schnell klar, will sich in diesem Wahlkampf als Alternative zum Politestablishment aus Berlin-Mitte verkaufen. Als Gegenpol zu den Juristen und Politikwissenschaftlern, die im Reichstagsviertel arbeiteten, dort ihren Flat White schlürften und auf das Leben in der vermeintlichen Filterkaffee-Provinz herabblickten. Die Politikmacher also, die das Gefühl für das wahre Leben verloren hätten. Dieses Klischee haben jedenfalls viele Menschen – und daher macht Martin Schulz jetzt seine Biografie zum Feature.

Er hat nie eine Universität von innen gesehen, aber eine Lehre zum Buchhändler absolviert, er saß nie im Bundestag, er war viele Jahre Bürgermeister im kleinen Würselen bei Aachen, machte dann Karriere im Europaparlament, mischte also kräftig mit im sogenannten Establishment. Aber eben nicht in Deutschland, wo man Europapolitiker bis vor wenigen Jahren sowieso noch belächelte. 

Offen spricht der 61-Jährige über seine Alkoholsucht, die ihn vor seiner politischen Karriere als junger Mann kurzzeitig aus der Bahn warf. "Ich weiß, was es bedeutet, wenn man vom Weg abkommt", sagt Schulz: "Ich weiß auch, wie gut es sich anfühlt, wenn einen die Familie und Freunde auffangen und man eine zweite Chance bekommt." So was lieben sie bei den Genossen.

So wie sie Martin Schulz lieben, im Moment jedenfalls. Seit ihn der umstrittene Vizekanzler Sigmar Gabriel vor genau fünfeinhalb Tagen zum Kanzlerkandidaten vorgeschlagen hat und seinen Rückzug vom Parteivorsitz verkündete, scheint es, als sei die SPD wie neu geboren.

Die Parteizentrale ist auch schon eingestellt auf  die Personalie: "Zeit für Gerechtigkeit. Zeit für Martin Schulz" steht auf einem Großplakat mit dem lächelnden Konferfei des bisherigen Europapolitikers, das am Sonntag von der Spitze des Willy-Brandt-Hauses in der Wintersonne weht. Drinnen wird der Hoffnungsträger der SPD beklatscht, bevor er nur ein Wort gesprochen hat. Und sie applaudieren ihm noch zu, als er schon längst von der Bühne abgetreten ist. "Martin, du geile Sau", schreit ein besonders engagierter junger Mann.

Rundumschlag mit sozialdemokratischen Allzweckwaffen

Schulz nimmt die Stimmung allzu gern auf, er reitet die Euphoriewelle geradezu: Er winkt seinen Anhängern zu, er strahlt über beide Wangen, rollt fröhlich die Augen, und reckt beide Daumen nach oben, wenn eine Kamera auf ihn zielt.

Denn das ist sein zweites Credo für diesen Wahlkampf: maximale Motivation. Bisher läuft es gut. Die SPD ist in den Umfragen gestiegen, die Bürger halten ihn für genauso kanzlerfähig wie Angela Merkel, und mehr als 1.300 Menschen sind in den vergangenen Tagen in die Partei eingetreten.

In der allgemeinen Euphorie über den Aufbruchgeist sehen die Genossen nur zu gern darüber hinweg, dass die groß angekündigte programmatische Rede nicht allzu viel Neues enthält. Sie ist vielmehr ein Rundumschlag mit sozialdemokratischen Allzweckwaffen, bekannt aus früheren Wahlkämpfen. So spricht Schulz vom Aufstieg durch Bildung, von fairer Bezahlung, und er mahnt eine gerechte Steuerverteilung an. Außerdem wiederholt Schulz sein ebenfalls schon länger bekanntes Credo, wonach er sich einsetzen wolle für die hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten und nicht verstünden, warum beispielsweise ein Unternehmen wie Starbucks keine Steuern zahle.

SPD - Der noch unkonkrete Kandidat Martin Schulz will in das Kanzleramt einziehen, doch warum sollen wir ihn wählen? Eine vorläufige Suche nach Antworten. © Foto: ZEIT ONLINE