In der hitzigen politischen Diskussion nach der Kölner Silvesternacht ist ein Sündenbock gefunden worden: Grünen-Chefin Simone Peter. Sie hatte den Polizeieinsatz in einem Interview am Neujahrstag nicht so ausdrücklich gelobt wie viele andere. Sondern eine kritische Frage gestellt.

Zwar habe das Großaufgebot der Polizei in Köln "Gewalt und Übergriffe in der vergangenen Silvesternacht deutlich begrenzt", sagte Peter der Rheinischen Post. Es stelle sich aber die Frage "nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1.000 Personen alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden".  

Peter wird nun vorgeworfen, die Falschen zu verteidigen. Von "Multikulti-Schönfärberei und kompletter Realitätsverweigerung" ist in der Union die Rede. Die Bild-Zeitung startete sogar eine mehrteilige Kampagne gegen die Grünen-Vorsitzende. Sie titelte unter anderem: "Dumm, dümmer, Güfri". Peter sei, so die Abkürzung, eine "grün-fundamentalistisch-realitätsfremde Intensivschwätzerin", die überall Rassismus wittere.

Taugt nicht für einen Skandal – eigentlich

Von ihrer eigenen Partei bekam Peter keinen Schutz. Auch die Grünen-Führung stimmte ein in die Kritik: Grünen-Chef Cem Özdemir sagte, es könne eben nicht "achselzuckend hingenommen werden", dass erneut so viele Menschen mit hohem Aggressionspotenzial nach Köln gereist seien. Der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour merkte an, als Politiker solle man anderen nicht vom Schreibtisch aus Ratschläge geben.

"Am Sonntag gab es Äußerungen aus Polizeikreisen, die bei mir die Frage aufkommen ließen, ob die Polizei alleine nach dem Aussehen geurteilt hat", versuchte sich Peter am Montagabend zu verteidigen: "Die Kölner Polizei und auch das Bundesinnenministerium haben jetzt klargestellt, dass es nicht so war, sondern dass es auch andere Anhaltspunkte gab, zum Beispiel aggressives Verhalten."

Man kann Peter vorwerfen, voreilig reagiert zu haben. Viele linke Grüne wie der Bundestagsabgeordnete Volker Beck, sonst kaum um ein Statement verlegen, haben sich nach dem Silvestereinsatz vorsichtig geäußert, erst einmal abgewartet, bis sie mehr Informationen hatten.

Fragen sind legitim

Dennoch taugen die Äußerungen der Grünen-Vorsitzenden nicht für den Riesenskandal, der jetzt daraus gemacht wird. Ihre Kritik an der sehr pauschalen Verwendung des Begriffs "Nafri" durch die Kölner Polizei wird bis hinein in Polizeikreise und das CDU-geführte Bundesinnenministerium geteilt. 

Der Shitstorm gegen Peter konzentriert sich inzwischen auf die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Personenkontrollen. Aber auch das ist ungerecht. Darüber, ob das, was in Köln passiert ist, Racial Profiling war oder nicht, gibt es nun mal unterschiedliche Meinungen.

Auch ZEIT ONLINE veröffentlichte zwei Sichtweisen auf die Silvesternacht. Der Polizeiforscher Raphael Behr spricht von einem "Grenzfall". Er sagt, er brauche mehr Informationen zum Beispiel über die "aggressive Grundstimmung", die angeblich unter den Männern geherrscht habe, um einzuordnen, ob die harten Kontrollen gerechtfertigt gewesen seien.

Ganz unabhängig davon ist es natürlich legitim, Fragen zur Polizeiarbeit zu stellen, Zweifel zu äußern. Nachzuhaken, ob ein moralischer Grundsatz verletzt wurde. Nämlich der, Menschen nicht pauschal nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Und wer, wenn nicht eine Vertreterin einer Oppositionspartei, muss hinterfragen dürfen, ob staatliches Handeln so in Ordnung war.