Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke hat die Parteibasis um Entschuldigung gebeten. "Ich habe ein großes, ein wichtiges Thema leider in einer Bierzeltrede vergeigt", sagte Höcke am Samstag auf einem Thüringer Landesparteitag in Arnstadt. Er sei in eine falsche Tonlage gefallen, habe Interpretationsspielräume zugelassen. "Das war ein Fehler. Dafür möchte ich mich hier entschuldigen."

Wegen dieser "falschen Tonlage" läuft seit Montag gegen Höcke ein Parteiausschlussverfahren. Er hatte in einer Rede in Dresden unter anderem eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert und beklagt, die positiven Elemente der deutschen Historie würden im Vergleich zu den Gräueltaten der Nazizeit nicht genügend beachtet. Und er hatte die Bombardierung Dresdens 1945 mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki verglichen.

Dass er in seiner Rede etwas unabsichtlich "vergeigt" haben könnte, ist allerdings unwahrscheinlich. Diese Luftangriffe auf Dresden treiben Höcke schon länger um. Rechtsradikale instrumentalisieren die Bombardierung während des Weltkrieges seit Jahren. Sie bezeichnen sie als "Bombenholocaust" und wollen damit den Kampf der Alliierten als mindestens so schlimm hinstellen wie die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Nur einen "Eindruck verschaffen"?

Höcke ist Teil dessen. Ein sehr engagierter Teil, wie Bilder aus einem Dokumentarfilm über solche Demos nun belegen. Es war der 65. Jahrestag der alliierten Bombenangriffe auf Dresden am 13. Februar 2010. Vor dem Bahnhof Neustadt standen damals ungefähr 5.000 Neonazis und wollten durch Dresden marschieren. Gegendemonstranten hinderten sie daran. Mitten zwischen den Neonazis stand auch Björn Höcke, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde.

Die AfD Thüringen bestätigte das. Ein Sprecher sagte dazu: "Björn Höcke hat am 13. Februar 2010 mit zwei Freunden an einer friedlichen Gedenkveranstaltung für die Opfer der Bombardierung Dresdens teilgenommen. Sie sind dort hingefahren, um sich einen Eindruck von der Veranstaltung zu verschaffen."

Doch es ist zweifelhaft, dass Höcke sich nur "einen Eindruck" verschaffen wollte. Denn in einem nun zugänglichen Video der Demo sieht er ziemlich beteiligt aus. "Wir wollen marschieren, wir wollen marschieren!", brüllt Höcke da zusammen mit den anderen um ihn herum, die rechte Hand im grauen Handschuh zur Faust erhoben.

Und auch vorher schon hat er sich eindeutig zu dem Thema geäußert. In einem Leserbrief schrieb er 2006 an die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine: "In der Weltgeschichte sind niemals zuvor und niemals danach in so kurzer Zeit so viele Menschen vom Leben zum Tode befördert worden wie im ehemaligen Elbflorenz."

Historiker sind anderer Auffassung. In den drei Tagen der Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945 starben nach neuesten Studien zwischen 22.000 und 25.000 Menschen. Die Rote Armee verlor während des Krieges pro Tag fast 8.000 Soldaten, die täglichen Verluste der Wehrmacht während der letzten Monate des Krieges lagen sogar noch höher. Rechnet man alle Toten des Krieges zusammen, starben sechs Jahre lang pro Stunde 1.000 Menschen.

"Da ist etwas mit mir durchgegangen"

Dem Geschichtslehrer Höcke sind solche Zahlen offensichtlich egal. Er will provozieren. Er will, dass Rechtsextreme in ihm einen der ihren erkennen. Vor allem aber will er zentrale Überzeugungen der demokratischen Gesellschaft umdeuten. Das Mahnmal für die Opfer des Holocaust in Berlin ist für ihn ein "Denkmal der Schande", die Rede Weizsäckers, in der er von der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus sprach, ist für Höcke eine Rede "gegen das eigene Volk".

Erst provozieren, dann relativieren, das ist Höckes Konzept. Das verfolgt er nun auch mit der Entschuldigung. Seine Sätze von der "Bierzeltrede" sind eben nicht das Eingeständnis, dass er etwas Falsches behauptet hat und ihm das nun leid tut. Er sagte, er habe Interpretationsspielräume zugelassen und dafür entschuldige er sich. Dabei gab es bei seiner Rede in Dresden keinen Spielraum für Interpretation. Höcke will die Geschichte umdeuten.

Im Interview mit dem Magazin Der Spiegel sagt er zum gleichen Thema, bei der Dresdner Rede "ist etwas mit mir durchgegangen". Allein diese von sich selbst distanzierende Formulierung ist entlarvend, will sie doch nur persönliche Verantwortung leugnen. Da ist nicht irgendetwas mit irgendwem durchgegangen. Björn Höcke will die völkische und rassistische Ideologie der Nationalsozialisten wiederbeleben. Seine Überzeugung ist seit Jahren eindeutig.