Gewählt wird Albrecht Glaser am Sonntag nicht, das weiß er selbst. An der Wahl des ehemaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier zum neuen Bundespräsidenten besteht kein Zweifel. Union und SPD haben ihn als Kandidaten der großen Koalition nominiert, Grüne und FDP haben ihre Unterstützung angekündigt.

Dennoch hat die AfD ebenso wie die Linkspartei und die Freien Wähler einen eigenen Bewerber aufgestellt. Albrecht Glaser, ein hessischer AfD-Politiker, soll zeigen, dass es eine Alternative zu den etablierten Parteien gibt. Seine Kandidatur ist eine Demonstration der politischen Eigenständigkeit. 

Der 75-jährige Jurist und Staatswissenschaftler will aber noch mehr. Er hofft darauf, dass Wahlleute anderer Parteien in der Bundesversammlung sich "auf ihr freies Mandat berufen" und für ihn stimmen. Bekäme er mehr als die 35 Stimmen der AfD-Wahlleute, wäre das für ihn ein Signal: Seht, wir haben Rückhalt auch außerhalb der eigenen Reihen. Ähnlich wie in den Landesparlamenten, wo die AfD-Fraktionen mitunter Pressemitteilungen herausgeben, wenn Abweichler von der CDU bei einem ihrer Anträge mitgestimmt haben.

Obwohl chancenlos, hat sich Glaser eine Agenda zurechtgelegt. Als Bundespräsident würde er das Land aufrütteln, verspricht er. Er sieht sich in einer Linie mit Roman Herzog, "der mit seiner ‘Ruck’-Rede einen Impuls setzte". Auch sprachlich greift der Historiker gern auf die Vergangenheit zurück: Er sieht sich als "Volkstribun" – als einen jener Volksvertreter, die schon die Römer vor der Macht der Patrizier schützten. 

Glaser kennt sich aus im Parteiengefüge. Er gehörte mal der CDU an, war Bürgermeister in mehreren baden-württembergischen Gemeinden, er sanierte die Finanzen des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, 1995 holte ihn die damalige CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth nach Frankfurt. Den Vorwurf, er habe dort als Stadtkämmerer mit dem sogenannten Glaser-Fonds Millionen versenkt, weist er zurück: "Da war ich schon sieben Jahre weg." Seine Nachfolger hätten nach seinem Ausscheiden 2001 versäumt, den Fonds rechtzeitig zu verkaufen.

Gutes über Martin Schulz

Als Finanzfachmann poltert der Hesse gegen die Europäische Zentralbank, die durch ihren Niedrigzins den Deutschen Hunderte Milliarden Euro Verlust beschere. Den Atomausstieg sieht er als Ergebnis einer "irrationalen Hysterie". Ansonsten vertritt er die bekannten AfD-Positionen: Begrenzung des Zuzugs von Flüchtlingen und Migranten, Verteufelung der EU-Institutionen, Ablehnung des Euro.

Glaser kann aber auch an Martin Schulz Gutes finden: Der SPD-Kanzlerkandidat war einst Bürgermeister wie er. Der Aufstieg aus der oft mühevollen, aber bürgernahen Kommunalpolitik – das klingt für ihn nach einer Kompetenz, die in den Bundesspitzen der etablierten Parteien selten sei. In der Bundespolitik gebe es "erste Anzeichen von Nachdenken", meint er entdeckt zu haben. Von einer notwendigen "inneren Revision" sieht er die Regierungsparteien aber noch weit entfernt.

Wie zu Luckes Zeiten

Doch muss sich die AfD nicht selbst auch kritisch hinterfragen, nach all den neuen Querelen und dem Aufruhr, den der Thüringer Nationalist Björn Höcke und seine Unterstützer verursacht haben? Gegen Höcke wird wegen seiner Rede in Dresden ermittelt, auch gegen den Bundestagskandidaten und Richter am Landgericht Jens Maier, der kurz vor Höcke gesprochen hatte und dabei einen angeblichen deutschen "Schuldkult für beendet" erklärte. Beide hatten die Bundestagswahlstrategie der AfD wörtlich genommen, die "sorgfältig geplante Provokationen" ausdrücklich empfiehlt.

Die AfD ist spätestens seitdem in ähnlicher Unruhe wie vor der Abwahl ihres Mitgründers Bernd Lucke vor zwei Jahren: In Landesverbänden versuchen Mitglieder Parteitagsbeschlüsse zu kippen, rufen Schiedsgerichte an, liberale Kräfte werden aus Leitungsgremien herausgedrängt. Petrys Versuch, Höcke unverzüglich aus der Partei zu werfen, scheiterte, weil es mehreren Bundesvorständen in der entscheidenden Abstimmung an Mumm fehlte. An Höcke war auch Lucke schon gescheitert.

35 plus

Glaser wiegelt ab. Er führt ein Spiegel-Interview an, in dem sogar der Höcke-Freund Götz Kubitschek, ein Vordenker der Neuen Rechten, die Rede als Fehler bezeichnete. Die Mehrheit der AfD stehe nicht hinter Höckes Kurs. "Höcke ist nicht die Partei", sagt er. Für Glaser kein Grund, seine Kandidatur zu überdenken.

Sein Ziel für Sonntag lautet: 35 Plus. Eigentlich aber träumt er von weit mehr. "Würde die Wahl zum Jahresende stattfinden, hätten wir 200 Stimmen", prophezeit er. Bisher ist seine Partei nur in einigen Landesparlamenten vertreten. Im Laufe des Jahres könnten noch mehr dazu kommen, und sie könnte nach den Umfragen mit Fraktionsstärke in den Bundestag einziehen. Dann hätte die AfD in der nächsten Bundesversammlung deutlich mehr Wahlmänner für ihren Kandidaten.