Etwa 213.000 ausreisepflichtige Flüchtlinge leben derzeit in Deutschland, im Laufe dieses Jahres dürfte die Zahl noch steigen. Doch Abschiebungen sind oft schwierig. Der Großteil der Asylbewerber kommt ohne Pass nach Deutschland. Manche legen sich auch eine falsche oder – wie der Berliner Attentäter Anis Amri – gleich mehrere Identitäten zu.

Die Bundesregierung will deshalb nun ein "Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht" verabschieden. Unter anderem soll künftig verstärkt auf die Handys von Flüchtlingen zurückgegriffen werden, um ihre Identität festzustellen. Ist das rechtlich zulässig? Was bringt es und welche Probleme ergeben sich daraus? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen:

Was plant die Bundesregierung?

Schon heute dürfen die Ausländerbehörden Handys und andere Mobilgeräte von Flüchtlingen auswerten. Voraussetzung ist allerdings, dass dies von einer "zum Richteramt befähigten Person" entschieden wird. Mit den Ausländerbehörden haben die Flüchtlinge allerdings erst zu tun, wenn ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Wenn es also darum geht, ob ein abgelehnter Flüchtling geduldet wird oder tatsächlich ausreisen muss.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das über die Asylanträge entscheidet und schon deutlich eher mit den Bewerbern zu tun hat, darf Handys dagegen nur mit Zustimmung des Flüchtlings heranziehen. Das will die Regierung nun ändern, wie ein Gesetzentwurf des Bundesinnenministeriums zeigt, der ZEIT ONLINE vorliegt. Auch die Mitarbeiter des Bamf sollen die Identität über eine Analyse des Handys überprüfen können, wenn dies von einer Person mit Befugnis zum Richteramt angeordnet wird, heißt es darin.

Schätzungen der Regierung zufolge wäre dies 2016 bei 50 bis 60 Prozent der Flüchtlinge möglich gewesen, also bei 150.000 Menschen. Die Bamf-Außenstellen sollen mit forensischer Hard- und Software aufgerüstet werden, so dass bis zu 2.400 Datenträger pro Tag ausgelesen werden könnten. Das kostet laut dem Gesetzentwurf einmalig 3,2 Millionen Euro sowie 300.000 Euro für Softwarelizenzen jährlich. Die eigentlichen Kosten dürften aber ein Vielfaches betragen. Der Gesetzentwurf bleibt in dieser Hinsicht jedoch vage. Es gebe einen "nicht bezifferbaren Aufwand für personelle und sachliche Ressourcen", heißt es dort.

Ist der Zugriff rechtlich unbedenklich?

"Die geplanten Gesetzesänderungen sind absolut unverhältnismäßig und mit dem Grundgesetz nicht vereinbar", sagt der Kölner Strafrechtsexperte Nikolaos Gazeas. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung würde bei einer Auswertung aller Handy-Daten verletzt werden. "Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Grundrecht 1984 angesichts der geplanten Volkszählung aufgestellt und seitdem immer wieder gestärkt", so Gazeas.

"Durch die Verbindungsdaten des Handys kann der Staat sehen, wann und mit wem jemand gesprochen hat", sagt Gazeas. Ganz zu schweigen von SMS, Chatnachrichten, Geodaten, Fotos oder Videos und persönlichen Notizen, die Tagebuchcharakter haben können. Hier können intimste Details enthalten sein. All dies zu sichten und auszuwerten, kann einen gravierenden Eingriff in die Privatsphäre darstellen. Für einen solchen Eingriff in verfassungsrechtlich garantierte Grundrechte hat das Bundesverfassungsgericht hohe Hürden gesetzt.

So muss laut Gazeas eine Straftat von erheblicher Bedeutung vorliegen oder eine dringende Gefahr abgewehrt werden, also etwa ein geplanter Mord, Terroranschlag oder eine andere schwere Straftat. Und, besonders wichtig: Nur ein Richter darf eine solche Maßnahme anordnen, selbst wenn es einen konkreten Verdacht gibt. Gazeas hält deswegen auch die Aufenthaltsnovelle von 2015, mit der die Ausländerbehörden das Recht erhielten, die Handys von Asylbewerbern zur Feststellung ihrer Identität auszulesen, für verfassungswidrig.

"Ein so massiver Eingriff zur Identitätsüberprüfung ist absolut unverhältnismäßig", sagt Gazeas. Aus Sicht des Juristen wäre er höchstens zu rechtfertigen, wenn es einen konkreten Verdacht auf falsche Angaben des Flüchtlings und damit einhergehende Straftaten gebe. Dieser Vorbehalt fehlt im Gesetzentwurf allerdings. Auch dann allerdings müsste ein Richter den Zugriff auf das Handy erlauben. "So werden Asylsuchende schlechter gestellt als ein Beschuldigter, dem immerhin eine Straftat vorgeworfen wird", sagt Gazeas. Selbst Terrorverdächtige würden in den Genuss des sogenannten Richtervorbehalts kommen. "Wenn das Gesetz wird, ist mit einer Verfassungsbeschwerde zu rechnen", vermutet der Jurist.

Steht die große Koalition hinter dem Entwurf?

Ja. Zwischen Union und SPD gibt es offenbar grundsätzliches Einvernehmen, auch wenn der Gesetzentwurf sich derzeit noch in der Ressortabstimmung befindet. Dabei dürfte es aber eher um die genauen Ausführungsbestimmungen gehen, etwa um Datenmengen und Speicherfristen, weniger ums Grundsätzliche. Zumal sich auch die Ministerpräsidenten der Länder, also von Union und SPD, bereits auf das Gesetz verständigt haben.

Der Bund wolle auf die Handydaten aber möglichst nur in Einzelfällen zurückgreifen, betonte ein Sprecher des Innenministeriums. Man sei sich bewusst, dass es sich um Eingriffe in einen Kernbereich privater Lebensgestaltung handele. Auch sei der Aufwand hoch.

In der Unionsfraktion stößt der Entwurf auf breite Zustimmung. "Wir wollen und müssen einfach wissen, wer in unser Land kommt und sich hier aufhält", sagt Unionsfraktionsvize Stephan Harbarth (CDU). Das Bamf interessiere sich nicht für die privaten Chats der Antragsteller. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard Lischka sieht es ähnlich. "Wenn sich Migranten ihrer Identitätsfeststellung widersetzen oder es den begründeten Verdacht der Identitätstäuschung gibt, sollte das Auslesen von Handydaten eine Option zur Identitätsfeststellung sein", sagt er. Entscheidend sei allerdings, dass die Maßnahme für die Feststellung der Staatsangehörigkeit erforderlich sei und es kein milderes Mittel gebe.

Wie einfach lässt sich ein Handy auswerten?

Die Opposition kritisiert das Vorhaben dagegen. "Mit dem Vorschlag zur Auswertung von Datenträgern von Asylsuchenden sucht die Bundesregierung wieder einmal den Konflikt mit dem Grundgesetz", sagt der netzpolitische Sprecher der Grünen, Konstantin von Notz. "Das Mindeste wäre, dass ein Richter das Auslesen der Datenträger anordnen muss", findet auch seine Kollegin von der Linkspartei, die innenpolitische Sprecherin Ulla Jelpke. Die Flüchtlinge könnten sich dieser Identitätsfeststellung außerdem relativ leicht entziehen, indem sie beispielsweise ihr Handy einfach nicht zur Anhörung mitbrächten.

Anders als bei der Ausweitung der sicheren Herkunftsstaaten werden Grüne und Linke dieses Gesetz im Bundesrat allerdings nicht verhindern können. Denn die Länderkammer muss dieses Mal nicht zustimmen.

Lässt sich ein Smartphone so einfach auswerten?

"Ziel ist es, neben den Daten, die den Asylanspruch betreffen, insbesondere die geographischen Informationen" zu holen, heißt es im Gesetzentwurf. Das Bamf soll mithilfe des Mobilgeräts ein Bewegungsprofil des Asylsuchenden erstellen. Ein aufwendiges Anliegen, das bislang vor allem von Strafverfolgungsbehörden verfolgt wird. Diese verraten natürlich ungern, wie sie Handysperren knacken und Daten auf Mobilgeräten analysieren können. Anfang Februar enthüllte das Magazin Motherboard, "wie deutsche Ermittler beschlagnahmte Smartphones knacken". Die israelische Spy-Tech-Firma Cellabrite soll demnach eine zentrale Rolle bei der Datenauswertung in deutschen Behörden spielen. Der Bericht zeigt zugleich, wie aufwendig die – forensische – Auswertung digitaler Daten ist.

Auch Gazeas hat als Strafverteidiger regelmäßig mit der Auswertung von Handys oder anderen mobilen Datenträgern zu tun. Er sieht erhebliche Ressourcenprobleme auf das Bamf zukommen. "Ein Handy auszuwerten ist aufwendig und dauert sehr lange, je nach Umfang der Daten und der benötigten Sprachen zum Teil Wochen oder Monate." Gazeas schätzt, dass mehrere Hundert neue Mitarbeiter nötig sein werden, wenn das Bamf wie im Gesetz formuliert die Möglichkeit bekommen soll, mehr als 2.000 Datenträger am Tag auszuwerten. Das hält der Strafrechtsexperte für unrealistisch. Gazeas befürchtet, dass am Ende das Bamf mit der theoretischen Befugnis und einem riesigen Datenwust ausgestattet sein könnte, den es nicht auswerten kann.

Zumal laut Gesetzentwurf nur "ein Bediensteter mit der Befähigung zum Richteramt" die Datenträger auswerten darf. Das klingt zwar nach der vom Grundgesetz verlangten richterlichen Zustimmung, meint aber jeden Juristen mit dem zweiten Staatsexamen. Doch auch diese müssten erst einmal gefunden und bereit sein, für das Bamf zu arbeiten.

Im Gesetzentwurf wird beständig darauf verwiesen, dass Ausländerbehörden bereits heute die Möglichkeit hätten, mobile Datenträger auszuwerten. Wenn die das schon dürfen, warum dann nicht auch das Bamf, so die Argumentation. Doch fragt man zum Beispiel in Hamburg nach, wie die Erfahrungen mit den Zugriffsmöglichkeiten sind, bekommt man ernüchternde Antworten: Die Möglichkeit der Auswertung von Mobiltelefonen spiele in der Praxis derzeit keine große Rolle. Zum einen, weil die Auswertung nur durch eine Person vorgenommen werden darf, welche die Befähigung zum Richteramt besitzt. Zum anderen stehe für eine systematische Auswertung keine geeignete Software zur Verfügung. Jeder Zugriff auf ein Handy oder Ähnliches basiere bislang auf Freiwilligkeit der Betroffenen – eine Möglichkeit, die das Bamf derzeit schon hat.