Es hätte alles so schön sein können. Noch im Sommer hatten sich die Grünen behaglich eingerichtet. In Umfragen lagen sie stabil bei etwa 15 Prozent, noch immer getragen vom Erfolg ihres Landesvaters Winfried Kretschmann, der im Südwesten der Republik die CDU niedergerungen hatte. Der Bundestagswahlkampf machte den Parteivorderen damals keine Sorgen.

Heute, zu Beginn des Wahljahrs 2017, haben die Grünen ihren Stimmenanteil in Umfragen nahezu halbiert. Einige Meinungsforschungsinstitute sehen die Grünen bei nur noch sieben Prozent, der schlechteste Wert seit mehr als neun Jahren – Tendenz fallend. Und so raunen erste Prognostiker, dass die Ökopartei bei der Bundestagswahl sogar um den Einzug ins Parlament bangen könnte. Wie konnte das passieren?

Um die aktuelle Krise der Grünen zu verstehen, muss man auf ihre Spitzenkandidaten blicken. Der Altvordere Cem Özdemir und die wertkonservative Kirchenfrau Katrin Göring-Eckardt wurden per Mitgliederentscheid gewählt. Es war das endgültige Bekenntnis der Basis zum seit Jahren gewachsenen Selbstverständnis der Partei: Solidität statt Utopie, Sachlichkeit statt Emphase, keine Experimente.

Figuren wie Claudia Roth, die noch einen Rest der rebellischen Exzentrik der frühen Grünen versprühen, sind als eine Reminiszenz an die früheren Jahre zwar irgendwie noch mit im Team. Doch ihre Machtbasis ist zusammengeschmolzen. Anton Hofreiter, der einzige Parteilinke im Rennen um die Spitzenkandidatur, konnte nur rund ein Viertel aller Stimmen bei der Urwahl auf sich vereinen.

Machtwille ohne Machtoption

Längst sind die Grünen die Partei des Bürgertums schlechthin, zumindest, wenn man auf das Sozialprofil ihrer Unterstützer blickt. Gewählt werden die Grünen von den Gut- und Besserverdienenden, allen voran den Beamten, von Menschen mit höchsten Bildungstiteln, den Arrivierten und Abgesicherten. Mit der antibürgerlichen Pose früherer Jahre können ihre Wähler in weiten Teilen nichts (mehr) anfangen. Die Grünenwähler sind das Establishment der Bundesrepublik. Protestieren wollen sie nicht, sie wollen gestalten.

Entsprechend galt die Wahl des neuen Spitzenduos als Ausdruck des Machtwillens der Parteibasis. Göring-Eckardt und Özdemir sind – mit dem nun raumgreifenden Winfried Kretschmann im Hintergrund – der kandidatengewordene Wunsch nach Schwarz-Grün, nach einer Vereinigung des klassischen, rheinisch-kleinstädtischen Bürgertums mit der urbanen Neubürgerlichkeit aus Hamburg Eimsbüttel und Berlin Prenzlauer Berg.

Allein: Der Wille zur Macht läuft nun ins Leere. Zwar hat die grüne Basis mit dem neuen Spitzenduo jedweder robinhoodhafter Sozialromantik abgeschworen. Doch ein schwarz-grünes Bündnis ist rechnerisch beinahe ausgeschlossen. Beide Parteien kämen zusammen derzeit nur auf knapp über 40 Prozent der Stimmen, wenn am nächsten Sonntag gewählt würde.

Machtwille ohne Machtoption – das nährt den Frust der Grünen-Wähler. Denn der Pragmatismus ist eine freudlose Angelegenheit, wenn nicht zumindest mittelbar die Regierungsverantwortung in Aussicht steht. Lange Zeit lebten die Grünen von der Spannung zwischen dem Wünschenswerten und Machbaren, zwischen Utopie und Empirie. Heute haben sie die Visionen einer anderen, fundamental besseren Gesellschaft den Sachzwängen geopfert. Doch paradoxerweise scheint gerade jetzt die Macht für die Grünen weiter entfernt denn je.

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