Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE jene Orte, an denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

Die beste Pommesbude im Ruhrpott hat jetzt bodentiefe Fenster. Und Stühle und Bänke drinnen und draußen, sodass man im Sitzen essen kann. Früher, vor 20 Jahren, gab es keine Stühle und Fenster und auch kein Drinnen. Früher lehnte man halt draußen an der Theke.

Das hat sich verändert im Dortmunder Kreuzviertel, auf halber Strecke zwischen Innenstadt und Stadion. Und sonst? An der Ecke, wo damals der Spanier war, hat der frühere Verteidiger von Borussia Dortmund, Kevin Großkreutz, eine Gaststätte mit dem tollen Namen "Mit Schmackes" eröffnet. Der Gyros-Mann ist nun ein Pizza-Mann. Wo früher die Trinkhalle war, die Bude, ist heute ein Antiquariat. Und die Straße hinauf, an der Theke des Allegro, wartet Guntram Schneider. Er hat schon mal zwei Pils bestellt. 

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Es ist der Abend des Tages, an dem die SPD in den Umfragen von 20 auf 28 Prozent gesprungen ist. Vier Tage nachdem Martin Schulz Kanzlerkandidat wurde. 28 Prozent sind für die Bundespartei heute eine Sensation. In Dortmund wären 28 Prozent eine Katastrophe. Für die Dortmunder SPD war es schon ein Tiefpunkt, als sie 2014 bei den Kommunalwahlen nur 38 Prozent der Stimmen erhielt. Gewöhnt ist man an Werte von mehr als 40 Prozent. Jahrzehntelang erreichte die Partei bei Wahlen sogar die absolute Mehrheit.

Mag es mit der Sozialdemokratie im Großen auch bergab gegangen sein, mag sich die Partei in Bonn und Berlin mit Reformen und großen Koalitionen auf 20 Prozent heruntergeschlissen haben – in Dortmund blieb sie groß und stark. Hier blieb sie Volkspartei und an der Macht. Seit 1946 regieren sozialdemokratische Bürgermeister die Stadt, ohne Unterbrechung. Die SPD in Dortmund ist bis heute der größte Parteiunterbezirk der Welt. "Herzkammer der Sozialdemokratie" hat der frühere Obersozi Herbert Wehner die Stadt einmal genannt. Für den einstigen Kanzler Willy Brandt war Dortmund gar die "Hauptstadt" des SPD-Landes.

Jetzt, da auch die SPD im Bund wieder Erfolg hat, kann man in Dortmund eine Partei besichtigen, der niemals der Erfolg abhanden kam. Und die man fragen kann, warum das so war. 

Guntram Schneider hebt sein Pils vom Tresen. Schneider hat Werkzeugmacher gelernt. Er war fünf Jahre lang Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen, von 2010 bis 2015. Davor war er viele Jahre DGB-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen. Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist er seit dem ersten Mai 1971 und in der Gewerkschaft ist er noch viel länger. Heute sitzt er im Landtag in Nordrhein-Westfalen, drei Monate noch, dann geht er in Rente. Schneider sammelt Salzstreuer und kennt sich aus mit den Schriften des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci. Er ist ein kleiner, runder Mann von 65 Jahren mit weißen Haaren auf dem Kopf und einem weißgrauen Schnäuzer. Er sagt: "Prost, Jungs".  

Guntram Schneider in seiner Stammkneipe Semmlers im Kreuzviertel © Marcus Simaitis für ZEIT ONLINE

Dann beginnt er zu erzählen.

Von Jugendfahrten mit der sozialistischen Jugend, den Falken, nach Oerlinghausen, Füssen, Frankreich. Von der Laienspielgruppe, bei der er mitmachte. "Das erste mal im Theater, das war eine andere Welt, eine andere Welt!" Klassiker, Reclamhefte, Heimvolkshochschule in Springe bei Hannover. Aufstieg durch Bildung, das Versprechen der Partei. Schon als Auszubildender trat er in die IG Metall ein.

Die Gewerkschaften waren in Schneiders Jugend noch eine Macht. Und Schneider war so selbstverständlich Mitglied, wie es selbstverständlich war, Mitglied zu sein. Wenn man Schneider zuhört und anderen, die die Dortmunder SPD vor 30, 40 Jahren noch kennen, dann klingt es fast so, als sei die Partei nur ein Anhängsel der wahren Mächtigen gewesen: der IG Metall, der IG Bergbau und Energie. Schneider sagt: "Wenn der Willy Brandt ein Problem hatte, dann rief er den Betriebsgruppenvorsitzenden der Westfalenhütte an und dann ging's los. Das war die letzte Bastion."

Die SPD hat in Dortmund ihren Nachwuchs geboren

25.000 Menschen arbeiteten damals in der Westfalenhütte von Hoesch im Nordosten der Stadt. Das waren die Hoeschianer. Die meisten waren Gewerkschafter und Sozialdemokraten, so wie ihre Familien. "Das, was Gramsci kulturelle Hegemonie nannte, hier gab es das", sagt Schneider. Das ist der erste und wichtigste Grund für die Dominanz der SPD in Dortmund und im gesamten Ruhrgebiet: Die Arbeiter waren hier in der Überzahl. Heute sind sie weniger geworden, aber die SPD ist nicht im gleichen Maß mitgeschrumpft. Denn die Hoeschianer haben Kinder bekommen und Enkel, und viele von denen sind ganz selbstverständlich Genossen geworden. In Dortmund hat die SPD ihren Nachwuchs geboren.

Guntram Schneider zieht weiter, ins Semmlers. Braunes Holz, gelbes Licht, silberne Zapfhähne. Am Stammtisch sitzen ein BMW-Händler und ein Hauptkommissar und würfeln, wie jeden Donnerstag. Beide sind Genossen. Schneider geht die Gäste einzeln durch, er kennt sie fast alle: Ein ehemaliger Betriebsratschef, ein Architekt, ein Zugereister. "Und da hinten in der Ecke, am runden Tisch, da hat nach dem Krieg ein sozialdemokratischer Bäckermeister die Wohnungsvergabe gemacht. War ja alles kaputt hier."

Man sollte nicht den Fehler machen, Schneider für einen sozialdemokratischen Devotionalienhändler zu halten. Vielmehr erscheint einem nach einem Gespräch mit Schneider vieles von dem, was heute als neu erscheint, so wie schon immer dagewesen. Digitalisierung? Qualitatives Wachstum? Darüber hat Schneider schon vor 40 Jahren gesprochen, bei den Oberhausener Automationstagen der IG Metall. Die neue Debatte um Grenzen und Abschottung? "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht", sagt Schneider, und haut dazu mit der flachen Hand auf den Tresen. "Damit ist doch alles gesagt!"