Die SPD kann ihr Glück kaum fassen: Seit sie Martin Schulz vor zwei Wochen zu ihrem Kanzlerkandidaten nominiert hat, geht es für die Partei in den Umfragen steil nach oben. Auf Twitter jubeln die Genossen über den #Schulzzug – dieser tuckere durchs Land und viele sprängen mit Begeisterung auf. 

Laut dem ARD-Deutschlandtrend stieg die SPD in der Wählergunst kurz nach Schulz' Nominierung zunächst um acht Prozentpunkte auf 28 Prozent. Einen ähnlich hohen Wert hatte die Partei zuletzt kurz vor der Bundestagswahl 2013. In der Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen des ZDF kletterte die SPD von 21 auf 24 Prozent, beim Institut Emnid von 23 auf 26, bei Forsa zunächst von 21 auf 26 und in einer am Mittwoch veröffentlichten Erhebung sogar auf 31 Prozent. Platz eins ging aber auch bei Forsa mit 34 Prozent weiterhin an die Union.

Das Umfrageinstitut Insa hatte die SPD sogar vor Merkels CDU und der CSU gesehen. Die Ergebnisse von Insa sind allerdings umstritten

Euphorie deutlich größer als bei Steinbrück und Steinmeier

Unbestritten ist, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel durch seinen Rückzug Platz für eine echte Alternative zu Angela Merkel geschaffen hat. Anders als jetzt bei Schulz, stiegen die Umfragewerte bei der überraschenden Ausrufung von Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat Ende September 2012 nur minimal an: um 1 bis 2 Prozentpunkte. Danach ging es wieder abwärts. Und als die SPD vier Jahre zuvor, im Herbst 2008, Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten bestimmt hatte, stagnierten die Werte.

Auch im direkten Vergleich mit der Kanzlerin steht Schulz im Moment deutlich besser da als seine Vorgänger Steinbrück und Steinmeier kurz nach ihrer Nominierung (siehe Grafik).

Schulz mit besten Chancen gegen Merkel

Persönliche Umfragewerte (Direktwahl) zum Zeitpunkt der Nominierung des SPD-Kandidaten.

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Lange war die Euphorie angesichts eines SPD-Kanzlerkandidaten nicht mehr so groß, lange war die SPD nicht mehr so in Mode. Von einer "fundamentalen Veränderung der Stimmungslage" spricht Kajo Wasserhövel, der ehemalige SPD-Wahlkämpfer unter Franz Müntefering.

Wo haben sie nur die ganze Zeit gesteckt, die Schulz-Wähler? Und von welchen Parteien wandern sie jetzt ab zur SPD?

Das ist derzeit noch nicht so einfach zu sagen, heißt es bei infratest, dem Institut, das den ARD-Deutschlandtrend herausgibt. Zwar verloren in den jüngsten Umfragen die Linkspartei und vor allem die Grünen sowie die AfD an Zustimmung. Doch könne man noch nicht seriös beurteilen, ob alle zu SPD-Sympathisanten geworden seien. Dafür sei eine längerfristige Auswertung notwendig, sagt eine infratest-Sprecherin. Bei der Forschungsgruppe Wahlen vermutet Geschäftsführer Matthias Jung "gewisse Umgruppierungen innerhalb des rot-rot-grünen Lagers vor allem zu Lasten der Grünen". Jung warnt aber ebenfalls vor vorschnellen Schlüssen bezüglich der noch frischen politischen Entwicklung.

Nur Gabriel-Erleichterung?

Für Manfred Güllner, Chef des Umfrageinstituts Forsa, sind in aktuellen Umfragedaten seines Instituts "erste Tendenzen" zu erkennen. So habe Schulz Sympathisanten bei den Grünen, der Linkspartei und "selbst bei ein paar AfD-Wählern", wie Güllner sagt. Schulz schaffe es, überdurchschnittlich viele Hauptschüler und Beamte von sich zu überzeugen. Er spreche unter den Bürgern vor allem die Unentschlossenen an, die sich vorher in Umfragen nicht auf eine Partei festlegen wollten. Diejenigen, die eigentlich mit der SPD sympathisierten, aber bisher durch Parteichef Sigmar Gabriel abgeschreckt wurden.

"In unseren Umfragedaten sehen wir eine große Erleichterung, dass Gabriel weg ist", sagt Güllner, "ob sich das aber in den kommenden Monaten als dauernde Kompetenzwerte für die SPD niederschlägt, wird sich zeigen müssen." So antworteten nach wie vor nur jeder zehnte Befragte mit "SPD" auf die Frage, welche Partei die Probleme Deutschlands lösen könne. Die Union könne bei dieser Frage 30 Prozent der Befragten von sich überzeugen.

Dem deutschen Wähler geht es wirtschaftlich gut

Schulz hat in seinen ersten Reden vor allem die "hart arbeitenden Menschen" adressiert, die ihre Eltern und Kinder versorgen müssten, unter hohen Mieten und dem Berufsverkehr litten, sowie Angst vor Einbrüchen hätten. Allgemein war das als Botschaft an die "kleinen Leute" verstanden worden, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben, von der Agenda 2010 enttäuscht sind und vielleicht auch überlegen, "aus Protest" die AfD zu wählen.

Ob diese Leute aber die richtige Wählerklientel der SPD für 2017 sind, da ist man sich offenbar auch bei den Genossen nicht ganz sicher. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Mahnung, die der SPD-Kenner Frank Stauss auf seinem Blog veröffentlicht hat. Stauss hat mit seiner Werbeagentur mehrere Wahlkämpfe für die SPD geführt und gewonnen, zuletzt in Rheinland-Pfalz.

Er verweist auf eine Umfrage zu Beginn des Wahlkampfjahres 2017 mit den "höchsten Zufriedenheitswert bezüglich der persönlichen und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, der in der Geschichte des ZDF-Politbarometers je gemessen worden sei": "66 Prozent der Deutschen empfinden ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut. Gerade einmal 6 Prozent als schlecht. 28 Prozent teils/teils", schreibt Stauss. "Die Wahl wird also von Menschen entschieden, denen es nach eigenem Bekunden gut geht."