Als Bundeskanzlerin Angela Merkel den Europasaal des Bundestages betritt, in dem sie gleich als Zeugin aussagen muss, tut sie etwas sehr Geschicktes: Sie schüttelt jedem die Hand. Merkel dreht eine Runde durch den gesamten Saal, begrüßt jeden Abgeordneten und jeden Mitarbeiter der einzelnen Fraktionen mit einem weichem Händedruck und einem Lächeln.

Eine Zeit lang wirkt der Zauber der Macht. Freundlich und vorsichtig formuliert sind die ersten Fragen, die Merkel zur NSA-Affäre und zur Verstrickung des Bundesnachrichtendienstes und des Bundeskanzleramtes beantworten muss.

Merkel ist die letzte Zeugin. Ihre Befragung steht am Ende einer drei Jahre dauernden Ermittlung, in der die Verstrickungen des BND in die Affäre um den US-Geheimdienst NSA aufgearbeitet werden sollten. In dieser Zeit haben sich die Abgeordneten des Untersuchungsausschusses nicht nur durch Millionen Aktenseiten gelesen. Sie haben auch in etwa 130 Sitzungen Dutzende Zeugen befragt.

Angefangen hatten sie ganz unten, bei einfachen Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes, bei Datensammlern und Selektorenprüfern. Im Laufe der Jahre arbeiteten sie sich durch die Hierarchien nach oben. Es kamen Unterabteilungsleiter, Abteilungsleiter, Leiter von BND-Außenstellen, später auch Vizepräsidenten und letztlich die Präsidenten der Geheimdienste. Dann kam das Bundeskanzleramt dran, das für die Aufsicht des BND zuständig ist. Auch dort ging es immer höher. Bei Merkel ist Schluss, höher geht es nicht. Sie ist die letzte Chance, in öffentlicher Verhandlung etwas aufzuklären.

Die Zurückhaltung gegenüber Merkel währt nicht lange. Bald werden die Fragen hartnäckiger. Denn die Antworten, die Merkel gibt, sind so nichtssagend, dass die meisten Obleute im NSA-Ausschuss schnell die Geduld verlieren.

Überrascht vom Ausmaß der Spionage

Von Datensammelprogrammen wie Prism habe sie erst Kenntnis erhalten, als die Dokumente Edward Snowdens in der Presse veröffentlicht wurden, sagte die Kanzlerin. Auch dass ihr Mobiltelefon angeblich ausgespäht wurde, habe sie erst durch Journalisten des Spiegel erfahren.

Merkel sagte, sie war tatsächlich überrascht vom Ausmaß der Spionage, als sie im Sommer 2013 mehrfach den Satz sagte, "Ausspähen unter Freunden geht gar nicht". Das beteuerte sie während der stundenlangen Befragung mehrfach und es war glaubwürdig. Die Kanzlerin hatte keine Ahnung davon, dass selbstverständlich auch der BND europäische Politiker und Institutionen und damit Freunde ausspäht. Denn sie hatte nie nachgefragt.