ZEIT ONLINE: Herr Arzheimer, die SPD erlebt derzeit in den Umfragen einen erstaunlichen Wiederaufstieg, und das, obwohl sich programmatisch gar nichts geändert hat. Ist die SPD die neue Protestpartei?

Kai Arzheimer: Protestpartei würde ich nicht sagen. Eine Protestpartei ist eine Partei, die gewählt wird, nicht weil man mit ihren Zielen übereinstimmt, sondern weil man gegen irgendetwas ist.

ZEIT ONLINE: In diesem Fall könnte man vermuten, dass die neue Stärke der SPD auch ein Protest gegen Angela Merkel ist?

Arzheimer: Das könnte man. Aber ich glaube, der Hype hat eher damit zu tun, dass die SPD mit Martin Schulz überraschend einen neuen Kandidaten präsentiert hat, der zwar als ehemaliger Präsident des Europaparlaments ganz reputierlich ist, von dem man aber inhaltlich nicht weiß, wofür er steht. Schulz ist eine Projektionsfläche für viele Erwartungen. Für die einen ist er proeuropäisch, für die anderen sozialdemokratischer als Noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel, für die dritten einfach endlich ein Mann, der Merkel Paroli bieten kann.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht typisch für den Erfolg von Protestparteien, dass es eigentlich nicht um Inhalte geht?

Kai Arzheimer ist Professor für deutsche Innenpolitik und Politische Soziologie an der Universität Mainz. Er beschäftigt sich vor allem mit Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Deutschland und Westeuropa, Wahlforschung und Parteienforschung. © dpa - Bildfunk

Arzheimer: Jeder hört aus dem, was Schulz sagt, das raus, was er sich von der SPD wünscht. Insofern hat der Erfolg zwar etwas damit zu tun, dass man nicht weiß, was in der Packung Schulz genau drin ist, aber ein reiner Protest ist das nicht. Denn viele Leute verbinden mit Schulz durchaus Inhalte, die ein bisschen konkreter sind: Dass die SPD weiter nach links rückt zum Beispiel oder dass sie sich von der Agenda 2010 distanziert, in die Schulz ja nicht so involviert war wie die anderen führenden SPD-Funktionäre, die in den vergangenen Jahren hier in Deutschland Politik gemacht haben. 

ZEIT ONLINE: Eine neue Umfrage zeigt, dass die SPD derzeit besonders viel Zulauf aus dem Nichtwählerlager hat. Der Zuspruch für die AfD aus den Reihen der Nichtwähler nimmt dagegen ab. Kann die SPD mit Schulz zumindest ehemalige Protestwähler zurückgewinnen?

Arzheimer: Mit solchen Umfragen bin ich vorsichtig. Die Frage ist: Wo kommen die Nichtwähler her, sind das wirklich dauerhafte Nichtwähler oder doch Leute, die eigentlich immer SPD gewählt haben, sich dann von ihr abgewendet haben und nun zurückkehren? Das müsste man sehr viel genauer anschauen. Nichtwählerforschung ist immer mit großen Fragezeichen verbunden, weil Nichtwähler sich mit Umfragen nicht gut erfassen lassen. Ich glaube, da ist viel Wunschdenken dabei, wenn jetzt ventiliert wird, dass die Nichtwähler auf einmal zur SPD strömen. Ein Schulz macht noch keinen Wählerfrühling.

"Die SPD ist eine bekannte Größe"

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Wellen, bei denen kleine Parteien wie die FDP, die Piraten oder die AfD plötzlich relativ groß wurden. Was unterscheidet diese Hypes von dem jetzigen Erfolg der SPD?

Arzheimer: Die SPD ist eben keine kleine Partei, sondern die älteste deutsche Partei und eine bekannte Größe. Die Piraten etwa waren eine Partei, die aus dem Nichts kam und von der man über längere Zeit nicht wusste, ob die nun eigentlich eine linke, eine rechte oder eine ganz andere Partei sind. Auch von der AfD wusste man anfangs nur, dass ihre Mitglieder ein Problem mit der Eurorettung hatten. Auch heute ist ja noch unklar, wie rechts diese Partei sein will. Piraten und AfD behaupteten zudem, mit dem bisherigen politischen System nichts zu tun zu haben, eine Alternative dazu zu sein. Das kann und will die SPD nicht. Deswegen ist die Projektionsfläche, die Schulz nun eröffnet, wesentlich kleiner als bei AfD oder Piraten.