Die gestiegenen Umfragewerte der SPD seit Martin Schulz' Ernennung zum Kanzlerkandidaten halten an. So kommen die Sozialdemokraten auch im ZDF-Politbarometer auf 30 Prozent – sechs Prozentpunkte mehr als bei der letzten Umfrage des Fernsehsenders von Ende Januar, die von der Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt wurde. Ähnlich hohe Zahlen erhielt die SPD in mehreren Umfragen der vergangenen Wochen.

Auch die persönlichen Werte von Kanzlerkandidat Schulz steigerten sich, im direkten Vergleich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel liegt er mit großem Vorsprung vorn. Laut ZDF-Politbarometer würden 49 Prozent für Schulz stimmen, während die CDU-Vorsitzende auf 38 Prozent kommt. In der Umfrage von Januar führte noch Merkel mit 44 Prozent vor Schulz mit 40 Prozent. Bei einer forsa-Umfrage vor einer guten Woche wiederum war herausgekommen, dass Merkel genauso viele Deutsche wie Schulz als Kanzler befürworteten. 

Machtoption große Koalition

Auch in puncto Sympathie führt Schulz nach der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen mit 36 zu 22 Prozent. Bei anderen wichtigen Kriterien dagegen bekommt Merkel den größeren Zuspruch: Den größeren Sachverstand sehen 34 Prozent bei ihr und nur zehn Prozent bei dem SPD-Mann – 38 Prozent sehen keinen Unterschied; für glaubwürdiger halten 23 Prozent Merkel und 20 Prozent Schulz – 40 Prozent machen keinen Unterschied zwischen beiden Politikern. Und obwohl Schulz bei der K-Frage klar führt, finden annähernd konstant 71 Prozent, dass Merkel ihre Arbeit als Bundeskanzlerin eher gut macht (eher schlecht: 24 Prozent). 

Allerdings hätte die SPD auf Grundlage der Werte des aktuellen Politbarometers derzeit nur als Teil einer großen Koalition mit der Union eine realistische Regierungsoption. Zwar verliert die Union zwei Prozentpunkte und kommt nun auf 34 Prozent. Aber auch die Werte der Linken, Grünen und AfD sanken. Die Grünen liegen bei neun Prozent, die Linke bei sieben. Die FDP stagniert bei sechs Prozent. Laut Umfrage würde jeder zehnte Deutsche die AfD wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre. Damit hätte auch ein Dreierbündnis aus Union, Grünen und FDP die Mehrheit, nicht aber eine rot-rot-grüne Koalition.

SPD - Der noch unkonkrete Kandidat Martin Schulz will in das Kanzleramt einziehen, doch warum sollen wir ihn wählen? Eine vorläufige Suche nach Antworten. © Foto: ZEIT ONLINE

Negative Schlagzeilen über Schulz' Amtsführung

Die Union reagiert auf ihren schwindenden Vorsprung mit weiteren Attacken auf den politischen Gegner: Fraktionschef Volker Kauder sprach dem SPD-Kandidaten die Eignung fürs Kanzleramt ab. "Ein Mann wie Herr Schulz, der im Grunde seines Herzens Schulden vergemeinschaften will, vertritt nicht die Interessen Deutschlands", sagte der CDU-Politiker dem Focus. "Jemand, der auch in Europa nicht zuerst die Interessen Deutschlands vertritt, kann nicht deutscher Bundeskanzler werden." Der Unionsfraktionschef warf dem SPD-Politiker zudem vor, zurzeit "eher abgetaucht" zu sein. "Das ist auch kein Wunder für einen Mann ohne jede praktische Regierungserfahrung."

Kauders Äußerungen reihen sich ein in mehrere Attacken der Union auf die bisherige Amtsführung des früheren Präsidenten des Europaparlaments. Schulz soll mehreren Mitarbeiter Vorteile verschafft und Dienstreisen nicht korrekt abgerechnet haben. Im Mittelpunkt steht dabei Schulz' langjähriger Mitarbeiter und jetziger Wahlkampfleiter Markus Engels, der nach Informationen des Spiegel zweifelhafte Zuschläge erhalten hat. Wie das Magazin berichtet, setzte sich Schulz persönlich dafür ein und zitiert aus einem Schreiben an die zuständige EU-Beamtin, in dem Schulz darum bat, Engels, der eigentlich seinen Dienstsitz in Brüssel hatte, auf eine sogenannte Langzeitmission nach Berlin zu entsenden.

"Schulz steht für die alte Tante SPD"

Die SPD verwahrt sich gegen solche Attacken gegen ihren Kandidaten, Generalsekretärin Katarina Barley warf der Union in einem Interview eine "Schmutzkampagne" vor und verwahrte sich auch jetzt gegen die neuen Verbalattacken von der Spitze der Unionsfraktion. "Angesichts der Begeisterung für Martin Schulz schlägt Volker Kauder jetzt auf die nationalistische Trommel", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Der Unionsfraktionschef zeige, dass er von Europa weder etwas halte noch verstehe. "Es gibt keinen Gegensatz zwischen europäischen und deutschen Interessen." Kauder stelle sich damit klar gegen Kanzlerin Angela Merkel und andere in der Union, die immer die Bedeutung Europas hochgehalten hätten. "CDU und CSU erinnern gerade an einen Haufen aufgescheuchte Hühner, die beim Anblick des Fuchses laut gackernd umherlaufen."

Allerdings kommt Kritik an Schulz auch vom potenziellen grünen Koalitionspartner, der in den Umfragen derzeit aber weit unter ihrem Anspruch eines zweistelligen Ergebnisses liegt. Für die Spitzenkandidatin der Partei, Katrin Göring-Eckardt, steht Schulz für "die alte Tante SPD". Sie habe vom SPD-Kandidaten bisher "keine innovativen Ideen" gehört, sagte die der Zeitung Die Welt. "Und zentrale Fragen spart er aus – Klimaschutz ist für ihn kein Thema, genauso wenig wie die Gleichberechtigung von Frauen oder von Minderheiten."