Nach knapp drei Stunden bekommt die Inszenierung der AfD Risse. Auf der Bühne im Hotel Maritim in Berlin-Mitte steht der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt und will erklären, wie frustrierte Wutbürger in Rechtspopulismus und -extremismus abrutschen. Wenn jemand behaupte: "Wir da unten kennen den wahren Volkswillen und vertreten ihn und wissen, die da oben sind Volksverräter", dann werde die Grenze des demokratischen Spektrums überschritten, sagt Patzelt. Vor ihm sitzen mehrere Hundert AfD-Mitglieder aus ganz Deutschland. Sie applaudieren ihm, jemand ruft: "Bravo!" Patzelt guckt erst irritiert, dann spöttisch: "Ich weiß nicht, ob vollständig der Sinn meines Arguments verstanden wurde."

Mit großem Aufwand hatte die AfD diesen "Extremismuskongress" vorbereitet. Ihre mittlerweile zehn Landtagsfraktionen zwischen Schwerin und Stuttgart hatten Geld zusammengelegt und den noblen Saal samt Kronleuchtern und rotbraunen Holzpanelen angemietet. Das Hotel war weiträumig abgesperrt, Gegendemonstranten hielt die Polizei auf Abstand. Nur drei Protestierer hatten es in den Saal geschafft. Sie sprangen vor dem ersten Vortrag auf, riefen "Rassistenpack" und "Nazis", bevor sie von Sicherheitsleuten aus dem Saal und aus dem Hotel geworfen wurden.

Das nebenan gelegene Wissenschaftszentrum Berlin tat seine Haltung dezenter kund. Auf einer digitalen Infotafel auf dem Bürgersteig stand den ganzen Tag: "Für offene Gesellschaften, gegen Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie."

Dass man mit Extremismus nichts am Hut habe, wollte der gemäßigte Flügel der AfD um den Berliner Fraktionschef Georg Pazderski mit der Konferenz signalisieren – und zwar nach innen wie nach außen. Die Tagung sollte ein Signal sein in Richtung des völkischen Flügels um Björn Höcke. Der hatte mit geschichtsrevisionistisch klingenden Reden die Akzeptanz der AfD bei breiteren Wählerschichten gefährdet. Gleichzeitig wollte man durch die Beschäftigung mit linkem, rechtem und religiösem Extremismus erreichen, in der Öffentlichkeit als irgendwie mittige Partei wahrgenommen zu werden.

Dazu hatte sich die AfD anerkannte Experten eingeladen. Zum Beispiel Uwe Kemmesies vom Bundeskriminalamt (BKA). Der Soziologe arbeitet dort in der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus daran, die Ursachen politischer Radikalisierung zu verstehen. Dass er bei der AfD auftrat, war im Vorfeld heftig kritisiert worden. Auf dem Kongress hielt er eine fast wissenschaftliche Vorlesung zum Extremismus. Er zeigte, wie flüchtlingsfeindliche Politikerreden den Terror von rechts befördern können und wie eine pauschale Ablehnung von Muslimen den Islamisten in die Hände spielt.

Ein Gutteil der Zuhörer war davon jedoch offenbar überfordert. Manchem im Saal fielen die Augen zu, andere wischten geschäftig auf ihren Smartphones.

Kritik als Kompliment verstanden

Der Dresdner Professor Patzelt bemühte sich, der AfD regelrecht die Leviten zu lesen. Wer jede Andersartigkeit als bedrohlich empfinde, wer Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Bekleidung anfeinde, der zeige Merkmale des Extremismus, sagte Patzelt.

Je länger er sprach, desto bizarrer wurde die Situation. Immer wieder reagierte der Saal wie auf Knopfdruck begeistert, wenn der Politologe Begriffe oder Halbsätze fallen ließ, die das Publikum aus Reden von AfD-Spitzenpolitikern kannte – die Patzelt aber eigentlich ganz anders meinte.

Als er etwa nüchtern das "Aufreißen einer Repräsentationslücke im konservativen Spektrum durch die Merkelsche Sozialdemokratisierung der CDU" konstatierte, da tobte der Saal. In dem Gejohle ging Patzelts Halbsatz unter, dass es ja durchaus vernünftig sein könne, eine Partei zu modernisieren. Als Patzelt "Politiker vom Typ eines Landsknechtführers" kritisierte und damit offensichtlich Björn Höcke meinte, da verstanden das einige Zuhörer als Kompliment und applaudierten.

Die AfD, so Patzelts These, könne eine staatspolitisch durchaus wichtige Rolle spielen, wenn sie das in der Bevölkerung vorhandene rechte Potenzial binde. Sie dürfe dieses nun einmal existierende Potenzial aber nicht noch durch demagogische Reden zuspitzen und enthemmen. Wenn hingegen die politische Ordnung als "abschaffungswürdig" bezeichnet werde oder man ein "Recht auf Widerstand" propagiere, dann dürfe sich die AfD nicht über den Verdacht wundern, sie stehe nicht mehr auf freiheitlich-demokratischem Boden. Plötzlich rührte sich keine Hand mehr.

Applaus wie auf einem NPD-Parteitag

Mehrere AfD-Redner distanzierten sich in ihren Reden von Gewalt. Und das meinten sie sicher ehrlich. Doch dass Extremismus nicht erst bei körperlicher Gewalt anfängt, wie Patzelt und Kemmesies vom BKA ihnen zu erklären versuchten, das haben sie und die gesamte AfD einfach nicht verstanden – oder sie wollten es nicht verstehen.

Immer wieder jubelten die Besucher im Saal verlässlich an Stellen, die auch bei einem NPD-Parteitag das Publikum begeistert hätten.

Der Freiburger Staatsrechtler Dietrich Murswiek etwa stellte "Hundertausende junger Männer aus gewaltaffinen ... Kulturen" unter Generalverdacht. Dafür erntete er ebenso stehende Ovationen wie für die Aussage, die Begrenzung der Migration sei "heute eine besonders wichtige" Maßnahme der "Extremismusprävention". Seine Rede wirkte, als sei Rassismus eine eigentlich ganz natürliche Reaktion auf Zuwanderung.

Der Trierer Theologieprofessor Wolfgang Ockenfels, vom Moderator als "national-katholisch" vorgestellt, wurde für seine Aussage beklatscht, es sei ja "eine grauenhafte Zumutung, den Koran zu lesen". Auf die Kritik katholischer Würdenträger an der AfD angesprochen, riet er, man möge solche Bischöfe künftig doch als "Herr Hohlkopf" anreden. Brandender Applaus.  

In der Raucherecke draußen vor dem Hoteleingang konnte man einen älteren Herrn – die Tagungsgäste waren fast ausschließlich Männer – von seinem Vater, von der Ostfront und von Volksdeutschen reden hören. Der Herr forderte, man müsse heutzutage Courage zeigen. Drinnen lauschte der Saal kopfnickend dem dänischen Psychologen Nicolai Sennels, der aus Befragungen jugendlicher, muslimischer Gefängnisinsassen abgeleitet haben will, dem Islam sei ein allgemein hohes Gewalt- und Aggressionspotenzial eigen.

Spiegel vorgehalten

Als letzte redete die kurdischstämmige Deutsche Leyla Bilge. Sie hat sich als Aktivistin einen Namen gemacht, die Hilfsgüter in Flüchtlingslager in Syrien und im Irak bringt. Inzwischen ist sie in der AfD und redete sich bei dem Kongress in Rage. Sie sprach von "unkontrollierbaren muslimischen jungen Männern", die in Deutschland "rauben, vergewaltigen und morden" und empfahl, "die Muslime rauszuschmeißen". Das Publikum feierte sie. Irgendwann kam sie dann auch bei Höckes Lieblingsthema an und fand, dass die Deutschen selbstbewusster sein müssten und dass es "jetzt langsam reicht" mit dem kritischen Blick auf die deutsche Geschichte.

An dieser Stelle ging der Moderator ganz schnell ans Pult. Obwohl Bilges Redezeit noch gar nicht abgelaufen war, bat er sie, doch bitte zum Schluss zu kommen.

"Jede Partei sollte sich hin und wieder den Spiegel vorhalten lassen", lobte Georg Pazderski vom moderaten AfD-Flügel an einer Stelle des Kongresses. Doch sein Plan, die AfD könne durch so einen Kongress gemäßigt wirken, ist gründlich schiefgegangen. Kaum jemand im Saal machte den Eindruck, als hätte er ein Problem mit dem Bild, das er im Spiegel sah.

Hinweis: In einer früheren Fassung des Artikels hatten wir die Aussagen von Professor Dietrich Murswiek stärker zusammengefasst wiedergegeben. Auf diese ursprüngliche Textfassung beziehen einige Beiträge im Kommentarbereich. Die Redaktion, 21.3.2017