Dieser Text gehört zu unserer neuen Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE in den kommenden Monaten aus ihrer Region.Die Serie ist Teil unseres neuen Sonderressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Matthias Wohlfarth hat die schmuddelige Arbeitsjacke mit einem dicken Strickpullover getauscht und sich die weißen Haare zur Seite gekämmt. In der Gaststube, die früher einmal eine Scheune war, bollert der Kanonenofen, die Frühlingssonne scheint durch die kleinen Fenster. Wohlfarth stellt den Kuchen zurecht und gießt Kaffee ein. Hier, sagt er und zeigt stolz in den leeren Raum, habe man die Gründung der Landespartei vorbereitet. "Hier hat Björn Höcke seine erste Rede gehalten."

Das war im Frühjahr 2013. Die AfD gab sich damals als Professorenpartei, die vor allem gegen den Euro stritt und noch gar nicht so sehr gegen Flüchtlinge. Der Thüringer Landesverband bestand aus etwas mehr aus hundert wild zusammengewürfelten Menschen. Wohlfarth wurde ihr erster Landesvorsitzender – und Höcke sein Co-Chef.

Den einen kennt heute keiner mehr, der andere dominiert immer mal wieder die nationale Nachrichtenlage. Höcke wurde zum neurechten Hoffnungsträger, während Wohlfarth wegen seiner angeblichen Radikalität gestürzt wurde. Es lohnt sich, mit Matthias Wohlfarth, dem Verlierer, zu sprechen. Wer raus ins thüringische Land fährt, kann etwas über die innere Gemengelage der AfD lernen und erfahren, dass die Machtkämpfe, die in der Partei so erbittert geführt werden, oft nur wenig mit ideologischen Fragen zu tun haben.

Damals, vor vier Jahren, war Wohlfarth von Höcke ziemlich angetan. Ein Geschichtslehrer, der, so wie er, mit Frau und vier Kindern in ein vormaliges Pfarrhaus gezogen war: Das schien zu passen. Höcke habe auf ihn, sagt er, wie ein "nachdenklicher Intellektueller" gewirkt, wie ein "angenehmer Mensch".

Matthias Wohlfarth bewohnt mit seiner Frau Olga und seinen vier Kindern den alten Pfarrhof in Seitenroda, den er Haus Bethlehem genannt hat. Die Herberge hat 47 Betten, die Nacht gibt es ab acht Euro.

Man gibt sich streng christlich. In einer Ecke der Gaststube liegen ein paar Blätter herum, darauf ein "Notgebet für unser Land". Darin heißt es: "Wir bitten dich, Gott, um eine christliche und kirchliche Umkehr", hin zu "einer ehrlichen und mutigen Auseinandersetzung mit dem Islam und den Lebenslügen des Zeitgeistes".

Wohlfarth spricht über sein Engagement für die Welt

Über Seitenroda ist nicht viel zu berichten, außer, dass sich das kleine Dorf besonders hübsch in die hügelige Landschaft einpasst und schon so manchen völkisch Gesinnten inspirierte. In den 1920er Jahren verbrachte der lebensreformerische Tanzprediger Friedrich Muck-Lamberty mit seiner "Neuen Schar" einen Winter auf der Leuchtenburg, die sich über dem Ort erhebt. Unten im Tal, im Städtchen Kahla, kaufte nach der Wende in gewisser Karl-Heinz Hoffmann, dessen Wehrsportgruppe verboten worden war, billig Immobilien auf und betrieb eine Kneipe, in der sich die örtliche Neonaziszene traf. Noch heute gibt es dort unten die rechtsextremistische Kameradschaft Freies Netz Kahla.

Mit all dem, sagt Wohlfarth, will er nichts zu tun haben. Lieber spricht er über sein Engagement für die Verfolgten dieser Welt. "Es findet gerade eine Ausrottung des orientalischen Christentums statt", sagt er. Auch deshalb ärgere es ihn, dass unter den Flüchtlingen hauptsächlich muslimische junge Männer seien, Männer mit viel Konfliktbereitschaft und archaischem kulturellen Hintergrund. So werde Gewalt gegen Ausländer nur befördert. "Es macht mich zornig, dass solche Aggressionen dann auch viele vorbildliche Ausländer bei uns treffen können."

Wohlfarth, so stellt er es dar, befand sich schon immer im Kampf gegen das System, das ihn gerade umgab. 1954 in eine Thüringer Pfarrersfamilie hineingeboren, ging er nicht zu den Pionieren oder in die FDJ. Später verweigerte er den Wehrdienst und ließ sich zum Jugenddiakon ausbilden, obwohl er sich schnell mit den Oberen der Landeskirche zertritt. Kirchensteuer bezahlt er längst nicht mehr. Er sei, sagt er, "ein Dissident". 

Nach der Wende studierte Wohlfarth ein paar Semester Theologie, schlug sich als Sozialarbeiter durch und kaufte schließlich den Pfarrhof. Als 2013 die AfD gegründet worden, sah Wohlfarth endlich seine Chance gekommen, einen Systemkampf in einer erfolgversprechenden Partei zu führen. In den wirren Zeiten der Parteigründung fiel es ihm leicht, sich an die Spitze der Landespartei zu setzen. Die Bundesführung um Bernd Lucke und Konrad Adam war froh, dass sich in der Provinz überhaupt jemand dazu bereitfand.

Doch schon kurz nach seiner Wahl löste Wohlfarth einen ersten Eklat aus. Dem Deutschlandfunk sagte er: "Wenn ich das sehe, wie ein Afrikaner an der Bushaltestelle von irgendwelchen Rechten zusammengeschlagen worden ist, sehe ich aber auch den Hintergrund: Ich sehe den Hintergrund, dass möglicherweise durch eine lasche Handhabung mit kriminell agierenden Einwanderern so eine Antistimmung gefördert wird, ja."

Migranten sind selbst dafür verantwortlich, wenn sie angegriffen werden – damals bekam man für so etwas selbst in der AfD noch Ärger.

Auch Wohlfarth beherrscht den Höcke-Sound, inklusive der nachträglichen Relativierungsübungen. Er sei, so sagt er es heute, leider missverstanden worden. "Da wurden ein paar Sätze isoliert rausgezogen." Er kenne "viele liebenswerte Afrikaner". Doch im Unterschied zu seinem einstigen Weggefährten ist Wohlfarth längst politisch erledigt. Oder präziser: Höcke hat sich seiner entledigt.