Die Behördenleitung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) rechnet damit, dass die Zahl der unbearbeiteten Asylanträge Ende Mai höher sein wird als geplant. Ursprünglich sollte der Berg an Altanträgen bis dahin weitgehend abgetragen sein. Aus einem internen Schreiben des Bundesamtes, das der ZEIT vorliegt, geht allerdings hervor, dass es auch dann noch mindestens 105.000 Anträge geben wird, über die noch entschieden werden muss.

In dem Brief wendet sich ein Abteilungsleiter der Behörde an die Mitarbeiter und fordert sie mit einer förmlichen "Anordnung von freiwilliger Samstagsarbeit" auf, künftig auch am Wochenende zu arbeiten, um die große Zahl von Anträgen zügig zu erledigen. Das Amt war im Januar mit gut 430.000 anhängigen Verfahren ins neue Jahr gestartet. 

Mit dem steigenden Zeitdruck im Bundesamt sinkt offenbar zugleich die Qualität der Asylbescheide. Der Standard der Entscheidungen habe "im letzten Jahr deutlich gelitten", heißt es aus der Arbeitsgemeinschaft der Asylanwälte beim Deutschen Anwaltverein. Robert Seegmüller, Vorsitzender des Bundes Deutscher Verwaltungsrichter sagt: "Wir werden überschüttet mit Klagen gegen das Bundesamt. Das liegt an der hohen Zahl an Entscheidungen, aber mitunter auch an der Qualität der Bescheide."

Asylanwälte in mehreren Bundesländern klagen über "oberflächliche Anhörungen" und "erschütternd schlechte Übersetzungen". Das Bundesamt habe Asylbewerber anerkannt, die laut Gesetz niemals in Deutschland hätten bleiben dürfen, und Flüchtlinge abgelehnt, die eigentlich Schutz hätten bekommen müssen.  

Kurz erklärt - Wie das Asylverfahren in Deutschland ist

Mitarbeiter der Behörde führen die Mängel auf die strengen Zielvorgaben der Behördenleitung und die schlechte Ausbildung der neu eingestellten Mitarbeiter zurück. Auch die interne Qualitätskontrolle des Bundesamts sei unzureichend; Schnelligkeit gehe vor Genauigkeit. Im Februar hatten Mitarbeiter die Behördenleitung in einem anonymen Brief scharf kritisiert: "Der Mitarbeiter als Mensch, der Asylbewerber sowieso (…) spielt keine Rolle mehr. Die Zahlenfetischisten regieren durch – Rechtsbrüche sind vollkommen egal." 

Seit 2015 wird das Bundesamt mithilfe von Unternehmensberatungen wie McKinsey umgebaut. Auf Anraten von McKinsey lässt das Amt die Anhörung eines Flüchtlings und die Entscheidung über seinen Asylantrag häufig von zwei verschiedenen Mitarbeitern erledigen, um Zeit zu sparen – eine Reform, die in den Augen erfahrener Behördenmitarbeiter zu vielen Fehlentscheidungen geführt hat.