Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Manfred Schwinn hatte lange Zeit kein Bild von dem Risiko, das unter der Stadt begraben liegt. Bis zu dem Tag, an dem er unter Tage fuhr und seine Heimat aus tausend Meter Tiefe betrachtete. "Bombastisch" sei der Anblick gewesen, sagt Schwinn. "Ich dachte, ich stehe im Kölner Dom." Groß wie eine Kathedrale seien die Hohlräume unter der Stadt gewesen. Schwere Maschinen hatten da unten herumgestanden. Schwinn schossen Fragen durch den Kopf: Wie wird sich das Gestein verhalten? Wer garantiert, dass es stabil bleibt? Und: Wenn es dort unten diese gewaltigen Hohlräume gibt, was heißt das für die Menschen, die tausend Meter darüber in ihren Einfamilienhäusern leben? Sind sie in Gefahr?

Es ist ein Tag Ende März und Schwinn, ein kräftiger, gemütlicher Mann Ende 50, mit hellbraunem Schnauzer, sitzt in einem weißen, kargen Büro an einem großen Besprechungstisch.  Er sagt, dass seine Fragen jene eines Laien seien – das wisse er durchaus. Doch seit einigen Monaten ist Schwinn Bürgermeister von Saarwellingen, der Gemeinde, die über dem Kohleabbaugebiet liegt. Er betrachtet es jetzt als seinen Job, nach dem Risiko zu fragen, das dort unten schlummert. Er sagt, dass er damals mit einem Gefühl hinauf ans Tageslicht fuhr, das viele in der Stadt kennen: der Restunsicherheit. Das Gefühl, das man eben nicht bis zuletzt weiß, was es mit der Erde macht, wenn man sie untertunnelt.

"Das ganze Haus hat gezittert" Manfred Schwinn ist derzeit Bürgermeister der Gemeinde Saarwellingen. Mit Unbehagen erinnert er sich an den 23. Februar 2008, als es infolge von Bergbauschäden zu einem Beben kam.

Saarwellingen ist eine kleine Gemeinde in der Nähe von Saarbrücken. Das Städtchen mit seinen 13.000 Einwohnern war lange Zeit ein Synonym für den Bergbau. Jahrzehntelang hat die Bergbaufirma RAG im Saarland Steinkohle gefördert. Die Kohle aus Saarwellingen hatte den Ruf, hochwertiger als im Rest des Landes zu sein. Selbst als nur noch 2.800 Menschen im Saarländer Bergbau arbeiteten, fuhren in Saarwellingen noch Männer unter Tage, schabten die Maschinen noch beharrlich die Kohle aus den bis zu zwei Kilometer langen Kohlefeldern. Saarwellingen lebte länger als andere Orte der Republik von der Kohle.

Bis der große Knall kam.

Am 23. Februar 2008 um 16.31 Uhr bebte in der Stadt die Erde. Schwinn, ein gelernter Elektromaschinenbauer, damals Ortsvorsteher der SPD, saß beim Kaffee, als die Gläser in den Vitrinen zu wackeln begannen. Von der Fassade der Kirche St. Blasius im Zentrum Saarwellingens rollten plötzlich Steine die Straße hinunter. Anwohner Helmut Blaß, ein Rentner mit schütterem Haar und sonnengebräunter Haut, bekam es mit der Angst zu tun. Die Standuhr im Wohnzimmer begann sich zu bewegen. Im Nachhinein ist er sicher: "Es hätte Tote geben können."

Nach dem Beben 2008: Auf der Freitreppe der Kirche St. Blasius liegen schwere Gesteinsbrocken. © Becker&Bredel/dpa

Als das Beben vorbei war, kamen die Journalisten in die Stadt. Saarwellingen war plötzlich Erdbebengebiet und in der Tagesschau. Experten maßen den Wert auf der Richterskala: 4,0 und verkündeten, das Beben sei das stärkste in der Region seit Jahrzehnten gewesen. Auch Manfred Schwinn eilte damals an die Kirche. "Aufgeheizt" sei die Stimmung gewesen, sagt er. "Niemand wusste, was noch kommen würde." In der Gemeinde erinnerte man sich, dass die Erde schon in den Wochen und Monaten zuvor gewackelt hatte. In Saarwellingen kannte man das Gefühl, wenn sich das Gestein an den Bergbau anpasste. "Die Grub’ hat gescheppert", so beschreiben es die Saarwellinger. "Wie in einem Wasserbett" habe man sich dann gefühlt, sagt der Rentner Blaß.

Die Bürger in Saarwellingen erinnerten sich auch an die Erklärungen des Bergbaukonzerns RAG. Hatte das Unternehmen nicht das Risiko kleingeredet? Die Erschütterungen seien völlig normal – das war eine Standardantwort. Die Gesteinsschichten ruckelten sich bloß zurecht, es könne nichts passieren – das war eine andere. Ein Erdbeben der Stärke 4? Ausgeschlossen, glaubten die Experten der RAG. Nach dem Beben aber stellte man fest, dass eine Sandsteinplatte durch den Druck unter Tage geborsten war und deshalb die Erschütterungen größer waren als angenommen. Wie glaubwürdig waren also die Beschwichtigungen? Wie sicher sind die Stollen wirklich?

Plötzlich war in Saarwellingen viel von Risiko die Rede. Und davon, wie viel davon man verantworten könne. Der damalige Ministerpräsident im Saarland, Peter Müller, reiste in den Ort und traf kurz darauf eine Entscheidung: Der Steinkohleabbau im Saarland müsse gestoppt werden – und zwar für immer und nicht erst 2016 wie geplant. "Ein Bergbau, der Leben und Leib der Betroffenen gefährdet, ist nicht zu verantworten", sagte Müller. Und: "Es wird kein neues Experiment mit offenem Ausgang mehr geben."

Seither ruhen zwar die Maschinen. Doch die Restunsicherheit ist geblieben. Bis heute teilt sich Saarwellingen in Sorglose und Besorgte. Und bis heute gibt es Streit darum, wie gefährlich die Spätfolgen des Bergbaus sind, wie groß das Risiko ist, dass noch einmal etwas passiert.