Oben in Litauen, nicht weit von der russischen Grenze, führt die Bundeswehr eine Nato-Streitmacht an. Die Soldaten des Panzergrenadierbataillons 122 aus Oberviechtach in Bayern sind wesentlicher Teil des multinationalen Gefechtsverbandes, mit dem das Bündnis dem baltischen Staat seine Unterstützung gegen den übermächtigen Nachbarn Russland demonstriert. Es ist auch nur das: eine politische Demonstration.

Denn die Grenadiere haben aus Deutschland 20 Schützenpanzer vom Typ Marder mitgebracht – der wurde eingeführt, als der heutige Innen- und frühere Verteidigungsminister Thomas de Maizière Anfang der 1970er Jahre seinen Wehrdienst als Panzergrenadier leistete. Wenn sich die Soldaten bei ihren Übungsfahrten von Marder zu Marder über Funk verständigen, kann so ziemlich jeder mithören – auf der untersten Ebene sind Funkgeräte mit Verschlüsselung noch nicht angekommen.

US-Präsident Donald Trump hat die deutsche Innenpolitik unter Verweis auf gemeinsame Nato-Beschlüsse zu einer Debatte über eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts gezwungen – aus eigennützigen Motiven und mit falschen Aussagen wie der Behauptung, Deutschland schulde seinem Land oder der Allianz Geld. Das ist offensichtlicher Unsinn, aber die Debatte hat einen wahren Kern: In den vergangenen 25 Jahren, seit dem Ende des Kalten Krieges, hat die Bundeswehr ein groß angelegtes Abrüstungsprogramm absolviert. Aus dem Stand scheint sie kaum noch in der Lage, ihrem grundgesetzlichen Auftrag nachzukommen: das Land – und als logische Folge das Bündnisgebiet – im Ernstfall verteidigen zu können.

Die kleinste Bundeswehr aller Zeiten

Das Abrüstungsprogramm spiegelt sich schon in der Größe der Truppe wieder. Nach den Zeiten der Blockkonfrontation, in denen allein die Bundeswehr im Westen Deutschlands eine halbe Million Soldaten in ihren Reihen hatte, verkleinerten sich die Streitkräfte zunächst auf die im Zwei-Plus-Vier-Vertrag festgelegte Obergrenze von 370.000 Soldaten. Unter dem SPD-Verteidigungsminister Peter Struck folgte eine Reduzierung auf 250.000, ehe de Maizière Anfang dieses Jahrzehnts eine neue Bundeswehrgröße von bis zu 185.000 Soldaten ausrief. Und selbst die wurde in den vergangenen Jahren nicht erreicht – im Juni 2016 gab es mit 176.015 Soldatinnen und Soldaten die kleinste Bundeswehr aller Zeiten.

Doch es blieb nicht bei der politisch gewollten Reduzierung der Truppengröße. Die Bundeswehr galt als Sparkandidat, was sich vor allem auf ihre Ausrüstung auswirkte. Die Zahl der Kampfpanzer, im Kalten Krieg noch weit mehr als 3.000 in den Bundeswehrkasernen, schrumpfte auf eine neue Obergrenze von 225, bei anderen Gefechts- und Transportfahrzeugen sah es ähnlich aus: Selbst für die kleinere Bundeswehr gab es von vielem zu wenig.

Das Heer erfand neue Verfahren, mit dem Mangel umzugehen: Das sogenannte Dynamische Verfügbarkeitsmanagement verteilte das vorhandene Gerät je nach Übungs- und Einsatzbedarf. Die Truppe hatte nicht 100 Prozent, sondern 70 bis 80 Prozent der nötigen Fahrzeuge, und die wurden dorthin geschafft, wo eine Übung anstand – oder für Auslandseinsätze wie in Afghanistan bereitgestellt. Dafür wurde auch schon mal einem Standort sein Gerät weggenommen. Als die Bundeswehr 2015 ein Bataillon für die in der Nato vereinbarte "Speerspitze" zusammenstellte, also für die neue schnelle Eingreiftruppe, liehen sich die Soldaten aus dem Erzgebirge mehr als 10.000 Ausrüstungsteile bei anderen Einheiten zusammen.

Die Probleme sind nicht auf das Heer beschränkt; die Luftwaffe und die Marine können bei Flugzeugen, Schiffen und vor allem bei den im Betrieb außerordentlich teuren Hubschraubern Ähnliches berichten. Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Karl Müllner erzählt gern das Beispiel vom fehlenden Ersatzteil für das Kampfflugzeug Eurofighter, das aus einer Maschine ausgebaut wird, um ein anderes Flugzeug für ein paar Stunden in die Luft zu bringen: In einer Sparwelle vor ein paar Jahren wurde auf die Bestellung dieser Ersatzteile verzichtet – aber die Lieferzeit beträgt drei Jahre.