So viele entspannte Gesichter wie am Sonntagabend hat man in der Berliner CDU-Zentrale lange nicht gesehen. Zu denen, die das Wahlergebnis im Saarland persönlich kommentieren wollen, gehört die einstige Hoffnungsträgerin aus Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner. "Wir haben uns schon sehr gefreut", sagt sie. Auch Kanzleramtschef Peter Altmaier, der im vergangenen Jahr oft die Kritik für die Flüchtlingspolitik seiner Chefin einstecken musste, kann endlich mal wieder aufatmen. Ganz zu schweigen von Generalsekretär Peter Tauber, der aus der eigenen Partei zuletzt kritisiert wurde, weil er keinen Weg fand, den neuen Star der SPD, Martin Schulz, effektiv zu attackieren.

Um 19 Uhr steht Tauber im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses, die CDU-Anhänger jubeln ihm zu. Im vergangenen Jahr hat er an gleicher Stelle gleich vier harte Niederlagen für die CDU verkünden müssen: In Baden-Württemberg war sie hinter den Grünen zurückgeblieben, in Mecklenburg-Vorpommern hinter der AfD. Da tut es sichtlich gut, endlich mal wieder ein Ergebnis zu verkünden, das an alte Zeiten erinnert: 40,7 Prozent für die CDU.

Doch es ist natürlich nicht allein die Zahl, die die Partei euphorisiert. Es ist vor allem die Tatsache, dass dieses Ergebnis trotz des Schulz-Hypes möglich war. "Der Schulz-Zug ist zum Stehen gekommen", lästert einer aus der Parteispitze. 

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Der Kanzlerkandidat der SPD, er hatte die CDU-Verantwortlichen in den vergangenen Wochen bangen lassen: Lagen die Konservativen bei seiner Nominierung in Umfragen noch mit großem Abstand vor den Sozialdemokraten, so gelang es Schulz, daraus innerhalb von Wochen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu machen. Im persönlichen Vergleich liegt er sogar vor Kanzlerin Angela Merkel.

Doch Sorge bereitete der CDU vor allem sein Stil: Schulz setzte auf Gefühle und begeisterte die eigene Partei damit so sehr, dass ein Parteitag ihn mit 100 Prozent zum Vorsitzenden wählte. Emotionen? Begeisterung? Damit werde man mit der nüchternen Merkel an der Spitze nicht dienen können, fürchteten viele in der CDU. Entsprechend nervös fielen in den vergangenen Wochen die Reaktionen aus. Man müsse endlich angreifen, forderte CSU-Chef Horst Seehofer. Viele Mitglieder des CDU-Präsidiums und -Vorstands sahen das ähnlich. Man müsse Schulz inhaltlich etwas entgegensetzen, verlangten sie.

Wie die Umfragen daneben lagen

Infografik: Paul Blickle, ZEIT ONLINE

Generalsekretär Tauber und Kanzleramtsminister Altmaier gehörten zur schrumpfenden Gruppe der Merkel-Getreuen, die zur Ruhe aufriefen und von persönlichen Angriffen auf den SPD-Kanzlerkandidaten abrieten. Die darauf hinwiesen, dass ein Wahlkampf ein Marathonlauf sei und erst in der letzten Phase gewonnen werde.

Neue Hoffnung

Fürs Erste hat der Wahlabend sie bestätigt. Kaum auszudenken, was für eine Debatte man in den Vorstandsgremien am Montag geführt hätte, wenn die CDU im Saarland durch ein rot-rotes oder rot-rot-grünes Bündnis von der Macht verdrängt worden wäre, oder gar – was nach den jüngsten Umfragen nicht ausgeschlossen schien – beim Ergebnis hinter der SPD hätte zurückbleiben müssen. Das jetzige Ergebnis dagegen verschafft der CDU und vor allem ihrer Vorsitzenden eine Atempause. Es bringt Hoffnung in die Partei zurück: "Wir können doch noch gewinnen – mit Angela Merkel".  

Auch wenn der Wahlsieg, wie sie in der Union gerne einräumen, natürlich vor allem der Person Annegret Kramp-Karrenbauer zu verdanken ist, die im Saarland seit sechs Jahren als Ministerpräsidentin regiert und dort außerordentlich populär ist, so hat die Kanzlerin diesen Erfolg doch zumindest nicht verhindert.

Im vergangenen Jahr lautete die gängige Erklärung für die Verluste bei den Landtagswahlen schließlich oft: Daran sei Merkels Flüchtlingspolitik schuld. Diesmal spielte dieser Faktor offenbar keine Rolle, wie auch das sehr bescheidene Ergebnis für die AfD zeigt. Auch dass Kramp-Karrenbauer Merkels Flüchtlingskurs immer loyal mitgetragen hatte, hat ihr offenbar nicht geschadet. Ausgerechnet Seehofer, Merkels härtester Kritiker in der Flüchtlingspolitik, ließ sich nach der Wahl mit dem bemerkenswerten Satz zitieren: "Der Wahlausgang zeigt auch, dass es die richtige Strategie ist, sich klar zur Kanzlerin zu bekennen." Von seiner Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge wird er wohl dennoch kaum Abstand nehmen. Trotzdem dürften die Merkel-Getreuen diesen Satz mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.

Nüchternheit zieht

Dass Kramp-Karrenbauer und Merkel sich als Menschen und in ihrem Politikstil ähnlich sind, was ihre nüchterne und pragmatische, lösungsorientierte Art angeht, wird in der CDU-Zentrale nun ebenfalls positiv für die die Bundestagswahl ausgelegt. Der Wahlbend wirkt wie der Beleg dafür, dass die CDU sich vor dem Gefühlsmenschen Schulz, der – wie es oft hieß – die Emotion in die Politik zurückgebracht habe, vielleicht doch nicht so sehr fürchten muss, wie manch einer vermutete.

Mit Erleichterung registrieren kann die CDU auch: Die Wähler haben offenbar Angst vor Rot-Rot oder auch vor Rot-Rot-Grün. Kramp-Karrenbauer jedenfalls hatte zuletzt entschieden davor gewarnt – ohne allerdings den Fehler zu begehen, eine Rote-Socken-Kampagne im Stil der neunziger Jahre aufzulegen. Damit hat sie Erfolg gehabt.

Landtagswahl im Saarland - CDU gewinnt, Schulz-Effekt bleibt aus Für SPD und Linkspartei reichte es nicht nicht für die erhoffte Mehrheit. Wahlsiegerin Annegret Kramp-Karrenbauer stellte eine Fortsetzung der Großen Koalition in Aussicht. © Foto: Boris Roessler/dpa