Ein gutes Verhältnis zu Russland hat in der CSU einen hohen Stellenwert. Am heutigen Donnerstag reist Parteichef Horst Seehofer erneut nach Moskau, um die Zusammenarbeit mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu pflegen. Beeindrucken will er damit wohl all jene in Deutschland, die finden, Kanzlerin Angela Merkel behandle Putin nicht angemessen.

Doch die CSU umwirbt nicht nur den Präsidenten, sondern auch russischsprachige Wähler in Deutschland. Dafür lässt sie das ein oder andere Prinzip fallen. In Deutschland müsse Deutsch gesprochen werden, auch in Moscheen und bitteschön erst recht von Flüchtlingen, findet die CSU normalerweise. Doch auf Facebook warb sie nun auf Russisch.

Facebooknutzer haben zwei Anzeigen dokumentiert. Die eine zeigt Seehofer, die andere Generalsekretär Andreas Scheuer. Neben Seehofer steht auf Russisch der Satz: "Wir wollen keine Republik, in der linke Kräfte und der Multikulturalismus die Vorherrschaft haben." Neben Scheuer: "Der deutsche Pass ist keine Ramschware." Offenbar scheint die CSU von russischsprachigen Wählern nicht zu erwarten, dass sie mindestens so viel Deutsch können, dass sie ein deutsches Wahlplakat lesen können.

Geschaltet wurden die Anzeigen vom offiziellen CSU-Account. Das bestätigte die Partei auf Anfrage. Deutsche Varianten dieser Banner kursierten im Herbst schon einmal. Jetzt wurden sie auf Russisch neu aufgelegt – für ein ganz spezielles Publikum.

Denn nicht alle Facebooknutzer bekamen die Anzeigen zu Gesicht. Nicht einmal alle, die der Partei ein "Gefällt mir" geschenkt haben. Auf der offiziellen Seite der Partei waren die Anzeigen ebenfalls nicht zu finden. Um sie zu sehen, musste man sich für RT interessieren, den russischen Fernsehsender. Das war der Anzeige selbst zu entnehmen, denn Facebook informiert bei allen Werbeanzeigen darüber, warum ein Nutzer ausgerechnet diese zu sehen bekommt.

Kein gewöhnlicher Sender

RT ist kein gewöhnlicher Nachrichtensender. Wer RT verfolgt, der liest viel über Gewalt und Proteste in Europa. Zwischen echte Nachrichten mit klarer Agenda mischen sich Gerüchte und Verschwörungstheorien. Es ist die Welt, wie Wladimir Putin sie zeigen möchte. RT wird vom russischen Staat finanziert und gilt als Propagandainstrument des Kreml. Wer RT verfolgt, ist potenzieller CSU-Wähler. Glaubt offenbar die CSU.

Das Motiv für die Kampagne liegt auf der Hand: In Deutschland leben mindestens anderthalb Millionen sogenannte Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion. Genau lässt sich das schwer sagen. Früher wählten sie mehrheitlich CDU und CSU. Doch ihre Bindung an die Union lässt nach, auch in Bayern, wie Studien zeigen. Viele Russlanddeutsche fühlen sich keiner Partei zugehörig. Aus Stammwählern der Union wurden Wähler, die es zu umwerben gilt. Und wer empfänglich ist für die Themen von RT, schätzt wahrscheinlich auch patriotische Kraftmeierei, so offenbar das Kalkül der CSU.

Eine passgenaue Ansprache

Wie viele Anzeigen es gab, ob die Kampagne auch in anderen sozialen Netzwerken lief, ob sie fortgesetzt wird und wen sie erreichen sollte, will man in der CSU-Zentrale in München nicht verraten. Die verdruckste Antwort eines Sprechers: Man werde alle Möglichkeiten nutzen, um Wähler anzusprechen. Und weiter: "Unterschiedliche Anliegen erfordern zwangsläufig auch eine passgenaue Ansprache. Das gilt für unterschiedliche Zielgruppen wie etwa auch die Russlanddeutschen." 

Seit einige Nutzer auf Facebook und Twitter darüber schrieben, sind die Anzeigen nicht mehr gesehen worden.