"Wir Deutsche leben in einer gefestigten, in einer selbstbewusst gelassenen Demokratie", so hat es Ex-Bundespräsident Christian Wulff gesagt, als er vor sieben Jahren sein Amt antrat. Wie sehr sich die Zeiten mittlerweile geändert haben, das konnte man erahnen, wenn man den Reden folgte, die am heutigen Mittwoch bei der Vereidigung von Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gehalten wurden.

"Ordnungen, die unverrückbar erschienen, lösen sich auf", sagte etwa der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck. Und Steinmeier, normalerweise kein Mann der zu Alarmismus neigt, schloss an seinen Dank an den Vorgänger den Satz an: "Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte verteidigen – diese Aufgabe bleibt!"

Kein Zweifel: In Zeiten, in denen die Zukunft Europas auf dem Spiel steht, in dem in vielen europäischen Ländern rechtspopulistische Parteien Zulauf haben und in denen ein amerikanischer Präsident westliche Werte und westliche Sicherheitsstrukturen in Frage stellt, scheinen alte Gewissheiten nicht mehr ohne Weiteres zu gelten

"Dass die Demokratie weder selbstverständlich noch mit Ewigkeitsgarantie ausgestattet ist, dass sie – einmal errungen – auch wieder verloren gehen kann, wenn wir uns nicht um sie kümmern", diese Einsicht will Steinmeier entsprechend zu dem zentralen Thema seiner Präsidentschaft machen. Der neuen Faszination für das Autoritäre will er den Mut zur Demokratie und zu Europa entgegensetzen.

Thematisch unterscheidet er sich da kaum von seinem Vorgänger. Auch dem erschienen die Deutschen oft zu ängstlich und zu verzagt. Auch er verstand sich als einer, der Mut machen wollte, sich den vielfältigen Herausforderungen einer globalisierten, vernetzten Welt zu stellen.

Unterschied im Stil

Der Unterschied zwischen Steinmeier und Gauck liegt eher im Stil. Gauck war jemand, dem das Pathos lag, ein Gefühlsmensch, der sich auch mal von seinen Emotionen überwältigen ließ. Mit seiner Leidenschaft für die Demokratie habe er Verstand und Herz erobert, so formulierte es Bundesratspräsidentin Malu Dreyer in ihrer Rede vor der Vereidigung.

Steinmeier dagegen ist ein nüchterner Mann, vor allem während seiner Jahre als Außenminister und Kanzleramtschef war er eher ein Politikmacher als ein Politikerklärer. Dass er seine Zuhörer künftig vor allem Kraft feuriger Reden für die Demokratie begeistern wird, ist auch nach seiner klugen, aber nicht unbedingt mitreißenden Antrittsrede nicht zu erwarten.

Der neue Bundespräsident will diesem Manko begegnen, indem er sich am Vorbild des ersten sozialdemokratischen Bundespräsidenten Gustav Heinemann orientiert. Der galt als "Bürgerpräsident", weil er in besonderer Weise den Kontakt zur Bevölkerung suchte. Das hat auch Steinmeier sich vorgenommen. Bei seiner ersten Deutschlandreise wolle er dahin, wo die Demokratie gemacht werde, kündigte er an. Zu den Kommunalpolitikern, den Ehrenamtlichen, den Flüchtlingshelfern. Der direkte Dialog, das kann auch ein Mittel sein, um die Demokratie zu stärken. Und dass Steinmeier Bürgernähe verkörpern kann, weil er Menschen ernst nimmt ohne sich anzubiedern, das hat er bereits in seinem Wahlkreis bewiesen.

Mut zur Komplexität

Doch Steinmeiers Stärke liegt noch in etwas anderem: Er hat Mut zur Komplexität. "Machen wir es uns nicht zu einfach", appellierte er während seiner Rede immer wieder. Es sich nicht zu einfach machen, das gehört wohl zwangsläufig dazu, wenn man die Demokratie ernsthaft verteidigen will. Die Demokratie sei demnach ein "Satz mit lauter Kommata, nicht mit Punkten", weil sie immer weiter entwickelt werden müsse.

Wie das geht, wenn man es sich nicht zu einfach macht, zeigte Steinmeier am Beispiel Türkei. Denn er verurteilte nicht nur, was da passiert. Er führte erst einmal aus, welchen gewaltigen, positiven Entwicklungsweg die Türkei in den vergangenen Jahrzehnten hinter sich gebracht hat. "Ohne Hochmut und Besserwisserei" wolle er auf die Türkei schauen, sagt er. Dabei betont er die schwierige Situation des Landes zwischen den Krisenregionen Syrien und Irak.  

Ein angenehm anderer Ton

Gemessen an dem vielen, was in den vergangen Tagen über die Türkei gesagt worden ist, war das ein angenehm anderer Ton. Es fehlte die sonst so verbreitete Selbstgerechtigkeit, die manche Kritik an der Türkei geprägt hat und bei der es immer zuerst darum zu gehen schien, bei den heimischen Wählern durch maximale Härte zu punkten.  

An Klarheit lässt Steinmeier es dennoch nicht fehlen. "Beenden Sie die unsäglichen Nazivergleiche! Zerschneiden Sie nicht das Band zu denen, die Partnerschaft mit der Türkei wollen! Respektieren Sie den Rechtsstaat und die Freiheit von Medien und Journalisten! Und: Geben Sie Deniz Yücel frei!", appelierte der neue deutsche an den türkischen Präsidenten.

Nun könnte man ihm vorwerfen, dass er für einen Bundespräsidenten, der schließlich kein Nebenaußenminister ist, ziemlich deutlich geworden ist. Doch Steinmeier lieferte in seiner Rede auch die Erklärung mit, wieso er sich diesen deutlichen Appell erlaubt hatte. Er wolle überparteilich sein, sagt er. Aber parteiisch für die Demokratie. In diesem Sinne lässt sein erster Auftritt auf eine interessante Amtszeit hoffen.