Das Saarland ist es gewohnt, unterschätzt zu werden. Weniger als eine Million Einwohner gibt es im äußersten Südwesten. Sie leben zwischen stillgelegten Kohlefördertürmen, kriselnden Stahlfabriken und einer Menge Wald und Wiesen. Deutschlands kleinstes Flächenland ist hoch verschuldet, überall fehlt es an Geld. Der Saarländer grämt sich darüber nicht. Er ist eine Frohnatur und sich meistens selbst genug. 

Berliner Politiker tun die Politik im Saarland gern als "bessere Kommunalverwaltung" ab. Etwa 800.000 Wahlberechtigte sind tatsächlich nicht viele. So kann man auch verstehen, dass die Saar- und die Bundespolitik in verschiedenen Welten zu Hause sind. Zehn Tage vor der Landtagswahl am 26. März scheint sich das nun geändert zu haben. Plötzlich gilt die saarländische Politik auch in Berlin als etwas, das Schlüsse für das gesamte Wahljahr 2017 erlaubt. 

Donnerstagabend, 20.15 Uhr: In einem Fernsehstudio des Saarländischen Rundfunks sitzen die Kandidaten der sechs aussichtsreichsten Parteien auf Drehstühlen nebeneinander. Eine neue Umfrage zur Landtagswahl ist veröffentlicht worden. Sie erklärt wohl das versteinerte Gesicht von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Seit 2011 regiert die CDU-Frau an der Saar, die meiste Zeit in einer großen Koalition, weil sich ihrer Meinung nach so der Finanzschlamassel des Landes am seriösesten managen lässt. Kramp-Karrenbauer, Wahlkampfmotto: "Heimatliebe ist nie unmodern", ist bei den Saarländern sehr beliebt. Bis zum 24. Januar sah es so aus, als würde sie auch die nächste Wahl klar gewinnen. Die Parallelen zu Angela Merkel sind groß, nicht nur weil Kramp-Karrenbauer schon häufiger als eine potenzielle Nachfolgerin gehandelt wurde. Sondern auch, weil sie im Saarland genau wie Merkel im Bund lange als unangefochten galt – und plötzlich gegen den Ruf kämpfen muss, von der Zeit überholt worden zu sein.

Die Schulz-SPD holt im Saarland auf

Seit dem 24. Januar ist Martin Schulz Kanzlerkandidat der SPD – genau seit diesem Tag hat die bisherige Wirtschaftsministerin des Saarlandes und neue Spitzenkandidatin der SPD, Anke Rehlinger, Aufwind. Um acht Prozentpunkte hat die SPD seit der Nominierung von Schulz zugelegt. Am Donnerstagabend sieht eine Umfrage die fröhliche Frau mit der tiefen Lache mit 33 Prozent nur noch einen Hauch von Kramp-Karrenbauers CDU (34 Prozent) entfernt.

Rehlinger, eine passionierte Leichtathletin und saarländische Rekordhalterin im Kugelstoßen, hätte selbst nicht geglaubt, dass sie mit 40 Jahren vielleicht bald eine Landesregierung der SPD anführen würde. Zumal ihr Vorgänger Heiko Maas bei drei aufeinanderfolgenden Landtagswahlen an der CDU gescheitert ist. Diesmal aber scheint das doch recht allgemeine SPD-Motto "Stärke und Zusammenhalt" zu ziehen.

Der Fokus des Fernsehabends liegt auf den Hauptkonkurrentinnen, die beide im weißen Blazer erschienen sind. Landespolitisch, das zeigt die 90-minütige Debatte, trennt Kramp-Karrenbauer und Rehlinger kaum etwas. Schließlich regieren sie bisher geräuschlos miteinander. Eine Weile streiten die Kandidatinnen darüber, wer das beste Konzept für die kostenfreie Bildung der saarländischen Kinder hat. Grundsätzlich einig sind sie sich darüber, dass Windräder die saarländischen Wälder nicht zu sehr verschandeln sollten.

Schnell landen beide Frauen bei der Bundespolitik, da gibt es wenigstens Differenzen: SPD-Frau Rehlinger will Korrekturen an der Agenda 2010, also Fehler ihrer Partei zurückdrehen. Kramp-Karrenbauer hält davon nichts.