Sportler kennen das Gefühl: Flow. Plötzlich wird alles ganz leicht, die Beine fliegen von selbst über die Bahn, jeder Pass gelingt, jeder Schuss sitzt, als wäre das Tor auf einmal doppelt so groß. Das Team spielt sich in einen Rausch, alles gelingt, und keiner weiß so genau warum eigentlich.

Die SPD ist gerade dabei, sich in ein solches Hoch zu katapultieren. Und der Grund dafür steht vor den rund 3.500 Delegierten und Gästen und lässt seine Rede von einer Stunde und zwanzig Minuten in zwei knappen Sätzen kumulieren: "Wir wollen, dass die SPD stärkste politische Kraft wird", ruft Martin Schulz. "Und ich will der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden." 

Es ist noch nicht lange her, da hätten selbst Genossen bei diesen Sätzen nur müde gelächelt, da war das Wort "Kanzlerkandidat" für den SPD-Spitzenkandidat bei einer Bundestagswahl reine Schmeichelei. Doch jetzt hebt es die Parteibasis aus den Stühlen zu minutenlangen Standing Ovations. Einstimmig wählen die Sozialdemokraten den ehemaligen Präsidenten des Europaparlaments zu ihrem Kanzlerkandidat und Parteichef. Was ist das Rezept für die Begeisterung, die Schulz in der alten Industrie-Backsteinhalle an der Berliner Spree und überall im Land entfacht? Denn Schulz ist zwar der Grund für den Höhenflug der SPD. Aber noch keine Erklärung. 

SPD - "Der trifft einfach den Nerv der Zeit" Die SPD wirkt fast berauscht von Martin Schulz. Was erwarten Parteimitglieder von ihm und welche Fehler sollte er besser nicht machen? © Foto: Zeit Online

"Schulz verstellt sich nicht, wenn er was sagt. Er spricht die genau richtigen Themen an", sagt Ahmed Mohamed. Seit Oktober ist er SPD-Mitglied und als Zuschauer auf dem Sonderparteitag begeistert von Schulz. "Man nimmt ihm das einfach ab. Der Schulz-Zug hat keine Bremsen." 

"Die elf Jahre als Bürgermeister sind eine Erfahrung, die Schulz anderen Kandidaten voraus hat. Er weiß, wie es an der Basis zugeht", findet Hernik Hamann. Der Student und Juso ist aus Hannover angereist, um seinen Kanzlerkandidaten zu erleben. "Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so sehr auf eine SPD-Veranstaltung gefreut habe wie auf diesen Parteitag", sagt auch ein Delegierter aus Nordbayern. "Schulz hat in der Partei wieder ein Feuer entfacht." 

Die breite Brust, mit der die Sozialdemokraten in den Wahlkampf gehen, wird bei Schulz' Rede noch ein bisschen breiter. Denn der neue Parteichef scheut keinen noch so großen historischen Vergleich: Die SPD sei es gewesen, die das Frauenwahlrecht erkämpft habe. Und "die Sozialdemokraten haben sich Hitler entgegengestellt und dafür einen hohen Blutzoll gezahlt." Bebel, Brandt, Schröder, alle finden in seiner Rede Platz. Diese vergangene Größe zapft Schulz an, um den Moment noch ein bisschen zu überhöhen.

"Hier stehe ich, ein Mann aus Würselen"

Und auch bei der Tagespolitik bedient sich Schulz im Klassiker-Regal der Sozialdemokratie. Das begeistert, weil er in seiner Rede zwei rhetorische Kniffe einsetzt: Spielend wechselt Schulz zwischen Konkretem ("Der 55-Jährige, der seinen Job verliert") und Unkonkretem ("Freiheit", "soziale Gerechtigkeit") – man könnte sagen zwischen Herz und Hirn.

Konkret wird er immer dort, wo es um starke Bilder und Emotionen geht. Von dem "Feuerwehrmann, der beim Einsatz behindert wird", und den die SPD besser schützen will. Oder natürlich bei seiner eigenen Biografie: "Ich bin das fünfte Kind einer Hausfrau und eines Polizisten"; "Ich habe einen Buchladen aufgemacht, den heute noch eine ehemalige Auszubildende von mir führt." Längst ist seine Herkunft zur Chiffre für den sozialdemokratischen Aufstiegstraum geworden: "Hier stehe ich, ein Mann aus Würselen."