ZEIT ONLINE: Der Premier der Niederlande, Mark Rutte, hat sich in den Wochen vor der Wahl deutlich an die Positionen seines rechtspopulistischen Konkurrenten Geert Wilders angenähert. Die Wahl hat er damit gewonnen. Ist das der richtige Umgang mit Rechtspopulisten?

Ole von Beust: Im Regelfall ist das nicht klug. Der Reflex der Wähler ist doch der: Wenn andere Parteien das aufgreifen, dann muss ja was dran sein. Die Themen werden damit salonfähig. Populisten können aber immer einen draufsetzen, mehr und mehr fordern.

ZEIT ONLINE: Und so rennt man als etablierte Partei ständig hinterher?

Beust: Es sind ja nicht nur die rechts außen, die einen treiben. Die eigene Partei macht das. Die eigenen Parteifreunde berichten von den Wahlkampfständen, was dort gesagt, gefordert, gemacht wird. Und fordern einen auf, dagegenzuhalten. Man will die eigenen Leute beruhigen, also macht man mit. Taktisch ist das aber selten klug.

ZEIT ONLINE: Ihre Partei, die CDU, hat diese Taktik aber ziemlich häufig angewandt.

Beust: Und wurde dafür abgestraft. In Baden-Württemberg, als die Republikaner in den frühen Neunzigern groß wurden, versuchte die CDU dem entgegenzusteuern, indem sie rechte Positionen einnahm. Konsequenz daraus war: Die CDU baute ab, die Republikaner gewannen dazu.

ZEIT ONLINE: Und in den vergangenen Landtagswahlen ging Julia Klöckner, Spitzenkandidatin der CDU Rheinland-Pfalz, auf Distanz zur Kanzlerin und ihrer Flüchtlingspolitik.

Beust: Ich glaube nicht, dass sie selbst dafür stand. Sie hat sich vermutlich von ihrer Partei anspornen lassen. Und das ging ja auch schief. Erstens nahmen es ihr die Leute nicht ab. Zweitens wirkt es so, als knickte sie vor rechts ein. Und drittens: Die, die der Meinung sind, man müsse das Thema so auf den Tagesplan bringen, wählten eh das Original, die AfD.

ZEIT ONLINE: Der CDU-Landesverband in Sachsen zeigt sich der AfD gegenüber ziemlich offen.

Beust: Das ist ein Fehler. Das bringt nichts. Man kann sich inhaltlich mit den Themen beschäftigen, eine radikale Position aber zu übernehmen, halte ich für einen Kunstfehler. Man muss da klar sein. Alle Koalitionsüberlegungen mit der AfD sind, solange Björn Höcke und andere Nazis darin sitzen, völlig indiskutabel.

ZEIT ONLINE: Nun sprechen Rechtspopulisten ja auch Bedürfnisse an, sonst wären sie nicht so erfolgreich. Welche sind das?

Beust: Da gibt es zwei Säulen, die man unterscheiden muss. Zum einen gibt es da die Angst vor Fremdheit, vor anderen Religionen und Menschen. Die andere aber ist die Sorge vor den Folgen der Globalisierung und das damit einhergehende Gefühl des Kontrollverlusts. Eine Entwicklung, von der zwar viele profitieren, man selbst aber nicht. Es ist kein Zufall, dass die AfD nun wieder ins Einstellige zurückgefallen ist, seit Martin Schulz die SPD wiederbelebt hat. Diese zweite Säule an Wählern kann wunderbar von sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien aufgefangen werden, wenn sie es geschickt machen.

ZEIT ONLINE: Nicht nur von der SPD sind Wähler in Richtung Rechtspopulisten abgewandert. Auch von der Union. Es gibt ja auch klare programmatische Überschneidungen, in der Inneren Sicherheit etwa. Die CDU versucht sich als Volkspartei natürlich auch dort zu positionieren. Wie weit rechts kann sie gehen?

Beust: Was ist denn rechts? Sagen wir, lückenlose Videoüberwachung im Öffentlichen Raum: Ist das rechts? Einerseits beruhigt das Leute. Andererseits schränkt es Datenschutz und Freiheitsrechte ein. Es ist Law and Order. Das ist nicht nur rechts. Henning Voscherau, Hamburger Bürgermeister der SPD, hat mal gesagt: "Law and Order is a Labour Issue". Vor allem die "kleinen Leute" interessiert diese Thema. Die fordern diese Sicherheit vom Staat, weil sie eben kein Geld oder keine Möglichkeiten haben, sich anderweitig zu schützen. Die fordern dann mehr Polizeipräsenz, besseren Schutz, oder eben Kameras. Law and Orderist eine geeignete Haltung für die CDU, solange die Verhältnismäßigkeit gewahrt ist.

ZEIT ONLINE: Und wo hört die auf?

Beust: Speziell für Law and Order finde ich, die rote Linie verläuft bei martialischen Maßnahmen, bei Todesstrafe etwa, oder öffentlichen Straftäterregistern, wie Pranger im Internet. Und im Allgemeinen solche Dinge wie Naziverharmlosung oder das Infragestellen von Gedenken.