Druckte man Deutschland auf ein A4-Blatt, wäre das Saarland so groß wie eine Briefmarke. Umschlossen von Rheinland-Pfalz schmiegt es sich an die Bundesgrenze zu Frankreich. Querdurch braucht man dreieinhalb Stunden – mit dem Rad. Das Saarland ist gut zu überblicken, im Vorbeifahren glatt zu übersehen. In diesem Bundesland – eines von 16  – lebt knapp eine Million Menschen. Ein Achtzigstel der bundesdeutschen Bevölkerung. Nun ja.

Es gibt für diese knappe Million eine Landeshauptstadt, eine Universität, eine Landesregierung, einen Landtag mit 51 Abgeordneten, 52 Städte und Gemeinden, sechs Landkreise. Und es gibt einen saarländischen Städte- und Gemeindetag. Wenn die 2.300 Kommunen in Rheinland-Pfalz solch einen Dachverband gründen, ist das nachvollziehbar. Doch wozu in diesem Zwergen-Saarland? Weil der Bundesjustizminister von hier kommt? Nein. Für das Selbstwert- und Zusammengehörigkeitsgefühl?

Die Kleinstaaterei kennt man. Sie hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland breitgemacht. Neben neun Bundesländern entstanden dort zwei Stadtstaaten, einer davon heute hoffnungslos überschuldet, und das Saarprotektorat, das dann 1957 per Volksabstimmung zum Bundesland wurde. Auch von den 20 Regionalgebilden der evangelischen Kirche – Gliedkirchen genannt – befinden sich 16 im Westen. Manche davon wären auf dem A4-Blatt klein wie Fettspritzer.

Für die Landtagswahl am Sonntag reichen im Saarland drei Wahlkreise. Bei mehr würden die Kandidaten knapp.

Das Saarland, ein Experiment

Und so etwas soll ein Flächenland sein? Ach, welche Fläche eigentlich? Wir reden hier von 2.500 Quadratkilometern. In Ostdeutschland gibt es Landkreise, die sind doppelt so groß. Sachsen-Anhalt, mit zweieinhalb Mal so vielen Menschen und der achtfachen Fläche, hat 78 Landtagsabgeordnete. Geht es um den staatlichen Länderfinanzausgleich? Um Fördergeld fürs Randgebiet? Die Verantwortlichen winden sich. "Wir sind das Land der kurzen Wege, hier kann auch politisch vieles ausprobiert werden", sagt ein früherer Minister. Das Saarland ist also ein Experiment.

Ein Experiment mit einer Universität, einer Landesregierung, dazu einem Landtag – das Einzige, was es im Saarland nicht gibt, ist Geld. Im Landeshaushalt drücken 14 Milliarden Euro Schulden, allein Regierung und Landtag kosten im Jahr einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Und dennoch – oder gerade deshalb? – konnten sich die Befürworter eines Anschlusses an das Nachbarland nicht durchsetzen. Dabei fiele das Saarland in Rheinland-Pfalz gar nicht weiter auf, denn auch Rheinland-Pfalz hat Schulden, eine Landeshauptstadt, eine (weithin bekannte) Universität, einen Landtag – finanziell gesehen verschmölze hier sozusagen Not mit Elend.

Aber gemeinsam könnte man die Schulden schneller tilgen, die Bilanz durch effizientes Wirtschaften ausgleichen. Mehr aus dem Geld machen. Schon zur Föderalismusreform II vor zehn Jahren war klar: Kleine Länder können auf Dauer nicht überleben. Sogar das Grundgesetz sieht im Artikel 29 vor, Bundesländer bei Bedarf neu zu gliedern, "nach Größe und Leistungsfähigkeit", damit sie ihre Aufgaben erfüllen können.

Das Thema ist nie populär. Die Brandenburger widersetzten sich 1996 einer Fusion mit Berlin. Im Saarland aber zeigte eine Umfrage vor fünf Jahren eine knappe Mehrheit für einen Zusammenschluss. Seitdem versucht man die Befürworter mit abwegigen Vergleichen zu neutralisieren: "Niemand zweifelt die Eigenständigkeit der Schweiz oder Luxemburgs an", sagte Ex-Staatskanzleichef Kurt Bohr einmal. Geht’s noch? Klar, auch Luxemburg ist klein wie eine Briefmarke. Aber ein Staat mit eigenen Grenzen, EU-Mitglied. Und zudem eine propere Steueroase, was sich vom Saarland nicht sagen lässt.

Rheinland-Pfälzer, erbarmt euch!

Sicher, mit einer Fusion stünde vieles infrage: Die Saarländer müssten um ihre Universität fürchten, um Kliniken in staatlicher Trägerschaft. Behörden und Verbände wären zum Zusammenschluss gezwungen, Landkreise müssten fusionieren, Theater plötzlich kooperieren, die Freiheit der Autonomie wäre dahin, Identitätsgefühl ginge verloren.

Alles Themen, die anderswo längst durch sind. Baden und Württemberg taten sich zusammen. 1990 wurde ganz Ostdeutschland dem Westen angeschlossen – das Grundgesetz regelte, wie. Dort entstanden mit Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gleich mehrere Doppelländer – trotz regionaler Differenzen. Die epochalen Transformationen der Jahrtausendwende haben hier gewaltige Traumata erzeugt. Und die Menschen haben sie bewältigt.

So halbierte Mecklenburg-Vorpommern in einer Verwaltungsreform 2011 die Zahl seiner Landkreise auf sechs. Aus der Hochschule in Cottbus wurde die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg. Im Südosten schlossen sich mehrere lokale Sinfonieorchester zur Lausitzer Philharmonie zusammen, um ihr Überleben zu sichern. Manche ostdeutsche Region wurde seit dem Mauerfall sogar schon zweimal der nächstgrößeren Nachbarstadt zugeordnet. Bürgerwiderstand gegen die Vernichtung von Identität – etwa das Verschwinden lieb gewordener Autokennzeichen – blieb wirkungslos. Fusionsspitzenreiter sind die Kirchen im Osten: Görlitz an der sächsisch-polnischen Grenze gehört zur selben Landeskirche wie Lenzen in der Prignitz, kurz vor Niedersachsen. Auf dem Land hat hier mancher Pfarrer sechs oder mehr Gemeinden zu versorgen.  

Solche Veränderungen lassen sich überleben. Die Saarländer werden auch nach einem Anschluss ihren Dialekt weiter pflegen, gut essen und Chardonnay genießen können. Und sogar das Image ließe sich heben: Ein eingegliedertes Saarland wäre den Ruf los, Rückzugsort der NPD zu sein – denn der Parteichef und zwei weitere Spitzenfunktionäre kommen von hier. Nun fehlt nur noch etwas Einsicht und Wille.

Rheinland-Pfälzer, erbarmt euch! Ein würdiger Name für das gemeinsame Bundesland dürfte sich finden. Rheinpfalz-Saar? Rheinland-Saarpfalz? Ihr könnt auch würfeln.

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