ZEIT ONLINE: Schon bei der letzten Landtagswahl 2012 sind die saarländischen Grünen mit gerade einmal 5,0 Prozent in den Landtag eingezogen, vor der Wahl am 26. März liegen sie nun zwischen 4 und 5 Prozent. Was macht ihre Partei falsch?

Hubert Ulrich: Das Saarland ist historisch ein schwieriges Pflaster für Grüne, über sechs Prozent sind wir hier bei Landtagswahlen noch nie hinausgekommen. Wir haben nur eine Universitätsstadt, sind geprägt durch Kohle und Stahl. Und dieses Mal ist es noch schwieriger, weil der Schulz-Effekt das Saarland erreicht hat.

ZEIT ONLINE: Martin Schulz' Vater ist an der Saar geboren, daher wirbt die lange schwächelnde SPD-Kandidatin Anke Rehlinger mit ihm als "halbem Saarländer".

Ulrich: Das finde ich doch sehr bemüht. Martin Schulz hat sein Leben nach meiner Kenntnis in Würselen verbracht, das liegt bekanntlich in Nordrhein-Westfalen. Und er steht im Saarland ja auch nicht zur Wahl, aber das könnte man angesichts der Medienaufregung fast vergessen.

ZEIT ONLINE: Die Wahlkampagne Ihrer Saar-Grünen distanziert sich deutlich von der Bundespartei. Man sieht gar kein Grün auf den Plakaten, alles ist in weißer Farbe gehalten. Wollen Sie mit den Bündnisgrünen nicht in Verbindung gebracht werden?

Ulrich: Nein, darum geht es nicht. Diese Wahlkampagne folgt dem Grundgedanken, die Themen in den Vordergrund zu stellen. Uns geht es um den Trinkwasserschutz und die Folgen des Sparkurses an den Hochschulen im Saarland. Erst dann wird die Partei sichtbar.

ZEIT ONLINE: Überschrieben sind die Slogans jeweils mit dem Wörtchen "Wahrheit" – "schmutzige Wahrheit", "traurige Wahrheit" – so als ob Sie diese allein für sich gepachtet hätten und alle anderen Parteien lügen würden. Ist das in Zeiten von Donald Trump ein legitimes Stilmittel?

Ulrich: Keiner ist von Trump so weit entfernt wie die Grünen. Wir behaupten auch nicht von uns, die Wahrheit gepachtet zu haben. Aber die große Koalition verschweigt den Saarländern eben manches. Zum Beispiel behauptet sie, dass die Uni nicht an den Sparfolgen leidet. Das tut sie durchaus. Darauf wollen wir mit den Plakaten hinweisen.

ZEIT ONLINE: Ein rot-rotes Bündnis steuert in den letzten Umfragen zur Landtagswahl im Saarland auf eine Mehrheit zu. Für einen politischen Wechsel werden Sie also kaum mehr gebraucht, oder?  

Ulrich:  Es braucht die Grünen, weil wir zu Zeiten unserer Regierungsbeteiligung bewiesen haben, dass wir die Schuldenbremse einhalten können, ohne hart zu sparen. Und natürlich wegen unseres klaren ökologischen Profils. Oskar Lafontaine will Windräder abschaffen, wir wollen, dass die Energiewende gelingt.

ZEIT ONLINE: Sollten Sie als Mehrheitsbeschaffer für Rot-Rot-Grün gebraucht werden, könnten Sie dann mit dem Alphatier Oskar Lafontaine in einer Koalition zusammenarbeiten?

Ulrich: Hier im Saarland kennen wir uns, die Wege im Landtag sind kurz, wir haben ein normales Verhältnis. Aber die SPD sollte sich gewiss sein: Oskar Lafontaine macht nicht den Juniorpartner, auch wenn die Linke weniger Stimmen bekommt als die SPD. Er wird die Politik mitgestalten wollen. Die Grünen könnten hier Korrektiv sein. Unser Ziel ist aber in erster Linie der Wiedereinzug in den Landtag. Danach sehen wir, welche Machtoptionen bestehen. Mögliche Koalitionsverhandlungen machen wir dann an unseren grünen Inhalten fest. Aber klar ist: Wir machen keine Koalitionsaussage vor der Wahl.

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie die Lage der Grünen im Bund? Sie sind im Umfragetief und wollen sich offiziell auch nicht festlegen, mit wem sie koalieren wollen. Und sie setzen hauptsächlich auf Ökothemen – ohne Erfolg.

Ulrich: Der Schulz-Effekt macht uns im Moment allen zu schaffen. Aber die Grünen sind thematisch viel breiter aufgestellt, als das oft transportiert wird. Die Grünen stehen genauso für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik wie auch für das wichtige Thema soziale Gerechtigkeit und die Themen Forschung und moderne Bildung

ZEIT ONLINE: Im Saarland leben weniger als eine Million Menschen. Warum sollte es ein eigenständiges Bundesland bleiben?

Ulrich: Der Föderalismus lebt von großen und kleinen Ländern. In den USA hat der kleinste Bundesstaat 300.000 Einwohner. Mal ganz abgesehen davon, dass das Saarland seine eigene Kultur hat, die sich auch von der unserer Nachbarn in Rheinland-Pfalz unterscheidet.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet denn den Saarländer vom Pfälzer?

Ulrich: Die Pfälzer essen lieber Saumagen und trinken Weißwein. Die Saarländer bevorzugen eher französische Küche und Rotwein.

ZEIT ONLINE: Von welcher saarländischen Tugend könnten sich die übrigen Deutschen denn mal was abgucken?

Ulrich: Von der offenen und herzlichen Art der Menschen hier. 

ZEIT ONLINE: Aber billiger wäre es, wenn es nur noch eine Landesregierung für Rheinland-Pfalz und das Saarland gäbe, oder?

Ulrich: Die Zahlen geben das nicht her. Gäbe es eine gemeinsame Landesregierung in Mainz, wäre in Saarbrücken immer noch ein Regierungspräsidium vorhanden. Die Strukturen wären gleich teuer, hätten nur einen anderen Namen.