Das Lamento von der immer größer werdenden Politik- und Demokratieverdrossenheit ist nicht nur alt, sondern auch nicht besonders aktuell: Deutschland ist politisiert wie lange nicht. Das zeigt sich auch an der gestiegenen Wahlbeteiligung und zwar nicht nur bei den Landtagswahlen im Saarland an diesem Wochenende.

2006 gingen in Baden-Württemberg nur etwas mehr als die Hälfte der Wahlberechtigen zur Landtagswahl. 2016 waren es über 70 Prozent. In Sachsen-Anhalt steigerte sich die Wahlbeteiligung im gleichen Zeitraum von 44,4 auf 61,1 Prozent. In Rheinland-Pfalz kletterte die Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen vergangenes Jahr um fast zehn Prozentpunkte auf mehr als 70 Prozent.

"Das ist schon ein bemerkenswerter Trend", sagt Lothar Probst. Der Politikwissenschaftler erforscht seit Langem die Bindungs- und Mobilisierungskraft von Parteien. "In den 1970er Jahren hatten wir bei Bundestagswahlen eine Wahlbeteiligung von 90 Prozent", sagt Probst. "Seitdem kennt der Trend nur eine Richtung: nach unten." Mit Erstaunen stellen Wahlforscher nun fest, dass das Pendel langsam wieder in die andere Richtung schwingt. Dass Politik und Zivilgesellschaft diesen Trend nicht öffentlich als Erfolg verkaufen, hatte bislang vor allem einen Grund: die AfD.

Ein enges Rennen mobilisiert

Die gestiegene Wahlbeteiligung kam überproportional stark den Rechtspopulisten zugute. So stimmten zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern 55.000 vormalige Nichtwähler für die AfD. Keine Partei mobilisierte stärker. In Baden-Württemberg, wo die AfD letztes Jahr 15,1 Prozent der Stimmen holte, zog die Partei mit über 200.000 die meisten Nichtwähler an. "Die AfD hat eine Lücke in einem Parteiensystem gefüllt, von dem sich viele Nichtwähler abgewandt hatten", sagt der Wahlforscher Thorsten Faas. "Daher war es folgerichtig, dass die neue Wahlbeteiligung der AfD zugutekam."

Bei der jüngsten Landtagswahl im Saarland (Wahlbeteiligung plus 8 Prozentpunkte) zeichnete sich aber ein anderer Trend ab: Von der gestiegenen Wahlbeteiligung profitierte keine Partei stärker als die CDU von Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer. 30.000 Stimmen für die CDU kamen von ehemaligen Nichtwählern. Auch die SPD profitierte mit 19.000 Wählern. Die AfD hingegen mobilisierte lediglich 8.000 Nichtwähler. Wenn auch nicht so stark, zeigte sich dieser Trend hin zu den großen Parteien schon bei vorherigen Landtagswahlen: zum Beispiel in Baden-Württemberg, wo Winfried Kretschmanns Grüne fast ebenso viele Nichtwähler mobilisieren konnten wie die AfD. In Rheinland-Pfalz zog Amtsinhaberin Malu Dreyer sogar mehr Nichtwähler an als die AfD. Woher kommt diese neue Lust auf Wahlen – und auf die etablierten Großparteien, deren vermeintliche Behäbigkeit eben noch für die Wahlmüdigkeit verantwortlich gemacht wurde?

Die meisten Experten sind sich einig: Bei allen Wahlen war das Rennen zwischen den großen Parteien weitgehend offen. Wer stärkste Kraft wird, wer Regierungschef werden könnte, stand bis zuletzt nicht fest. "Das hat eine stark mobilisierende Wirkung", sagt Lothar Probst. "Alternativen lohnen sich immer", glaubt auch Thorsten Faas. Wenn die Wähler das Gefühl haben, dass ihre Stimme etwas ändern und über Mehrheit oder Niederlage entscheiden kann, dann gehen sie doch wählen. "Konjunkturelle Nichtwähler", nennen die Forscher diese Menschen, die sich lange nicht beteiligt haben, aber bei engen Entscheidungen doch dabei sein wollen.

Landtagswahlen - Das Saarland als Testfeld Am 26. März wird im Saarland gewählt. Kommt es zur Wiederauflage der großen Koalition und welche Bedeutung haben die Wahlen für den Bund? © Foto: Sean Gallup/Getty Images