Man kann die Geschichte so sehen: Sigmar Gabriel tritt nach glücklosen Jahren als SPD-Vorsitzender ab, er muss die Kanzlerkandidatur abgeben an einen machtbewussten Freund. Weil er nicht von der Politik lassen kann, geht er zurück ins Glied als Bundestagsdirektkandidat für den Wahlkreis Wolfenbüttel-Salzgitter. Und als sei das nicht genug der Demütigung, kommt der Neue, Martin Schulz, auch noch zur Kandidatenkür und ruft ihm ein paar nette Worte hinterher. Eben dieser Neue, der die Partei aus dem Nichts elektrisiert und in den Umfragen steigen lässt – was ja den Schluss nahelegt, dass die ganze bisherige Misere ihm, dem alten Parteichef, anzulasten ist.

Oder man kann die Geschichte so sehen wie Gabriel selbst. Und wie die rund 600 Delegierten und Gäste, die am Mittwochabend in die Mehrzweckhalle von Wolfenbüttel strömen, um Gabriel zum dritten Mal zu ihrem Direktkandidaten zu wählen.

"Wir sind sehr stolz auf Sigmar", sagt Bernd Zühlsdorf, seit 50 Jahren Genosse und Schatzmeister seines Ortsvereins in Heere. Er habe "schon einige Politiker kommen und gehen gesehen", aber: "Wann hat jemals ein Kandidat seinen Rücktritt so gut hinbekommen wie Sigmar?"

Egal, wen man an diesem Abend fragt, Jusos, Metaller oder Rentner, ein böses Wort über Gabriel ist keinem zu entlocken. Die Twentysomethings in T-Shirts mit Schulz-Konterfei, die alten Herren in ihren Feuerwehruniformen oder Khakiwesten – alle sind sich einig. "Wir sehen, dass Sigmar der Verzicht nicht leicht gefallen ist und könnten verstehen, wenn er leiden würde", sagt Marcus Bosse, der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Wolfenbüttel. "Wir rechnen ihm diese menschliche Größe sehr hoch an. Wir haben Hochachtung vor ihm."

"Unser Sigmar"

Als dann der scheidende SPD-Vorsitzende an der Seite seines Nachfolgers die Halle betritt, ist der Jubel unter den Genossen groß. "Unser Sigmar", wie sie sagen, "war immer für uns da." Auch als Minister sei er sich nicht zu schade gewesen, beim Schützen-Frühstück vorbeizuschauen oder sich für einen Radweg an der Bundesstraße einzusetzen.

In der Bundespartei waren viele erleichtert, als Gabriel im Januar ankündigte, den Parteivorsitz abzugeben. Sie werden ihrem unsteten, impulsiven Vorsitzenden nicht nachtrauern. Gabriel hatte unpopuläre Alleingänge durchgesetzt wie das Freihandelsabkommen Ceta und die Vorratsdatenspeicherung. In seiner Rolle als Wirtschaftsminister ließ er oft den sozialen Kümmerer vermissen, den die SPD bisweilen braucht. Einer, der die SPD gut kennt, beschreibt die Zusammenarbeit mit Gabriel so: "Er war immer im Vorwärtsgang. Auch wenn seine Stimmung freundlich war, lag immer eine gewisse Grundaggressivität in der Luft. Man konnte sich bei ihm nie sicher sein."

Doch das ist in Berlin. Hier, in seinem Wahlkreis, hat Gabriel Heimvorteil. Es dauert keine Minute, da hat er die Lacher auf seiner Seite, wenig später den ganzen Saal. Viele aus dem Publikum spricht er in seiner fast einstündigen Rede mit Vornamen an. Und obwohl er sich mehrmals die Nase putzen muss, hat man ihn lange nicht mehr so gelöst und frei sprechen sehen.

Wolfenbüttel - Gabriel und Schulz begrüßen Ausgang der Niederlande-Wahl SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat den Ausgang der Parlamentswahl in den Niederlanden als Absage der Wähler an den Rechtspopulisten Geert Wilders gewertet. © Foto: Kay Nietfeld/dpa