Martin Schulz ist vom SPD-Parteitag mit 100 Prozent der gültigen Stimmen zum Vorsitzenden gewählt worden. Damit bleibt die SPD im Aufwind. Wie bewerten die Medien die Krönung des früheren EU-Parlamentspräsidenten?

Man sei von Parteitagen ja einiges gewohnt, schreibt Sabine Kinkartz von der Deutschen Welle. "Triumphale Musikteppiche, gleißende Lichtshows, Jubel, strahlende Gesichter und nicht enden wollender Applaus. Alles schon erlebt." Dieses Mal aber sei es anders gewesen, denn: "Die Euphorie der 2.500 Delegierten und Gäste war echt, die unbändige Begeisterung mit den Händen greifbar." Schön, dass Politik noch so elektrisieren könne. "Aber geht es hier tatsächlich um Politik? Um Inhalte? Um Substanz? Davon hat Martin Schulz noch nicht viel geliefert."

Kinkartz ist nicht die einzige, die das so sieht. "Schulz kann Show", schreibt etwa Wenke Börnsen auf tagesschau.de. Inhaltlich aber bleibe er "eine Blackbox", undurchschaubar und unkonkret. Der Münchner Merkur findet den "Hype um Schulz" beinahe skurril. "Mit konkreten Plänen hält sich der Hoffnungsträger der Sozialdemokraten weiter zurück. Kein Wunder. Sie könnten ihm nur im Weg stehen." Im Kölner Express mahnt Christian Wiermer zur Vorsicht: "Lieber weniger versprechen, aber das, was man verspricht, dann auch halten!"

SPD - "Der trifft einfach den Nerv der Zeit" Die SPD wirkt fast berauscht von Martin Schulz. Was erwarten Parteimitglieder von ihm und welche Fehler sollte er besser nicht machen? © Foto: Zeit Online

Auch das Hamburger Abendblatt ist skeptisch. "Wofür steht die SPD? Auch nach ihrem Krönungsparteitag, der den neuen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit historischen 100 Prozent ins Amt getragen hat, bleibt diese Frage offen. Berauscht von der eigenen Wiederauferstehung in den Umfragen interessieren sich auch nur wenige für die Antwort – die Partei gleicht derzeit eher einer Projektionsfläche, die viele Wünsche möglich macht."

Schulz im Unterschied zu Merkel

Im Gegensatz zur amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel gilt Schulz als Gefühlsmensch. Er sei ein "Menschenfischer", kommentiert Eva Quadbeck in der Rheinischen Post, und bislang funktioniere seine Strategie, "auf Emotionen und die großen politischen Linien zu setzen, statt konkrete Vorschläge zu unterbreiten".

Doch egal, ob mit Inhalten oder mit Emotionen: Schulz bringt der SPD die Chance auf die Kanzlerschaft zurück – auch darin sind sich viele Kommentatoren einig, von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) bis zur taz. Die FAZ nennt Schulz den "Arbeiterkaiser aus Würselen" und prognostiziert: "Die bevorstehenden Landtagswahlen werden zeigen, dass die SPD weit in die Mitte reichen kann. So schnell kann es gehen: Der Kampf um das Kanzleramt ist damit wieder offen."

Auch die taz erwartet einen interessanten Wahlkampf. "Das Duell mit Merkel wird gewohnte Genderklischees recht hübsch auf den Kopf stellen. Hier die sachliche, emotionsfrei wirkende Kanzlerin, dort der vor Wir-Gefühl scheinbar dampfende Herausforderer." Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Empfänger blieben vom neuen Wir der SPD allerdings ausgeschlossen, das wirke "herzlos".

 100 Prozent – die Zahl setzt den Kanzlerkandidaten auch unter einen gewissen Druck. "Die Fallhöhe steigt enorm", schreibt der Mannheimer Morgen. "Was, wenn auch Schulz nur eine große Koalition erreicht? Was ist, wenn er mit FDP und Grünen regieren muss, was das zweitwahrscheinlichste ist? Viel Reformspielraum hätte er in beiden Fällen selbst als Kanzler nicht. Der Schulz-Hype ist im Moment nicht viel mehr als eine Projektion." 

Und was bedeutet das alles für die Union? Wenn sie "stärkste Partei bleiben möchte, muss sie früher und stärker in die Offensive kommen, als die Parteiführung das bislang plant", schreibt die Rhein-Zeitung aus Koblenz.  "Je länger das Adenauerhaus die neue Erzählung der SPD von Schulz als nächstem Kanzler laufen lässt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Prophezeiung auch erfüllt. Es wäre an der Zeit, dem Schulz-Hype ein 'Merkel bleibt' entgegenzusetzen – und das mit ein paar guten Gründen zu unterfüttern."