Die europäische Öffentlichkeit, so hat es den Eindruck, berauscht sich derzeit geradezu an Erdoğan. Seit der Streit um Wahlkampfauftritte türkischer Minister in den Niederlanden am Wochenende eskalierte, ist kein Nazivergleich, kein persönlicher Vorwurf des türkischen Präsidenten an den niederländischen Ministerpräsident Rutte oder die deutsche Kanzlerin absurd genug, um nicht gleich als Topmeldung verbreitet zu werden. Erdoğan hat vorerst als weltpolitischer Topbösewicht Donald Trump verdrängt.

Schwer tun sich aber auch die europäischen Regierungen mit dem Wahlkampf, den Erdoğan für sein Verfassungsreferendum durch seine Minister auch in die EU-Länder zu tragen versucht, in denen viele türkische Wähler leben, allen voran Deutschland. Eine einheitliche Linie fehlt. Während die niederländische Regierung mit Blick auf die Wahlen im eigenen Land an diesem Mittwoch alle Auftritte untersagt und sie am Wochenende auch mit Gewalt verhindert hat, fährt Angela Merkel bislang einen Kurs der Deeskalation. Und der ist richtig.

Denn sich auf sein Machtspiel oder gar einen verbalen Schlagabtausch einzulassen, ist das Beste, was Erdoğan passieren kann. Er sucht die Konfrontation, um sich als oberster Beschützer der Türkei und des Türkentums darzustellen. Jede harte Reaktion auf seine Ausfälle, jedes Einreiseverbot treibt ihm nur weitere Wähler zu. Der Auftrittsstopp der Niederlande war ein Wahlkampfgeschenk für ihn (genauso wie für Rutte). Dass Kanzleramtsminister Peter Altmaier als Sprachrohr von Merkel jetzt ebenfalls ein Verbot androhte – und das kleine Saarland als erstes Bundesland voranmarschiert –, dürfte ihn fast noch mehr freuen.

Denn bislang hat Merkel ihn weitgehend ins Leere laufen lassen. Einem aggressiven Despoten kann kaum etwas Schlimmeres passieren, als gegen eine Gummiwand zu laufen. Dann entlarvt sich schnell, dass seine gespielte Scheinstärke in Wahrheit Schwäche ist: Erdoğan fürchtet offenkundig, dass er das Referendum verlieren könnte. Dann wäre sein Traum von der Alleinherrschaft geplatzt. Deshalb sein Furor gegen die Europäer.

Natürlich hat auch die Geduld der europäischen Politik Grenzen. Sie darf sich nicht alles gefallen lassen, das würden ihr die eigenen Bürger nicht nachsehen. Um "Ehre", wie Altmaier sagte, geht es dabei freilich nicht; die haben Personen, nicht der Staat. Aber um das demokratische Selbstbewusstsein einer Nation.

Eine Abweisung der türkischen Politiker, die jetzt viele fordern und die die saarländische CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer aus ebenfalls wahltaktischen Gründen verfügt hat, würde jedoch nicht nur die Versammlungs- und Meinungsfreiheit bei uns infrage stellen – demokratische Güter, die wir zu Recht hochhalten, auch wenn sie nicht unbedingt für ausländische Politiker gelten. Es würde vor allem den Erdoğan-Gegnern nicht helfen. Im Gegenteil: Er wird sie dann erst recht als Feinde der türkischen Nation und "Fünfte Kolonne" des Westens darstellen. Deshalb sind auch die Erdoğan-Kritiker gegen Auftrittsverbote.

Am Besten ist es, Erdoğan mit demokratischen Waffen zu schlagen: seinen Entsandten Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu gewähren, gerade weil diese Rechte in der Türkei nicht mehr gelten. Das zeigt die Überlegenheit einer Demokratie, die auch politischen Gegnern Freiheit gewährt.