Im kommenden Bundestag könnte ein AfD-Politiker sitzen, der sich nicht eindeutig von einem den Holocaust relativierenden Kommentar distanziert. Wie DIE ZEIT berichtet, hatte der niedersächsische Bundestagskandidat Wilhelm von Gottberg 2001 in einem Essay auf der Titelseite des Ostpreußenblatts den italienischen Neofaschisten Mario Consoli zitiert: "Die Propaganda-Dampfwalze wird mit den Jahren nicht etwa schwächer, sondern stärker, und in immer mehr Staaten wird die jüdische 'Wahrheit' über den Holocaust unter gesetzlichen Schutz gestellt." Und: "Der Holocaust muss ein Mythos bleiben, ein Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung entzogen bleibt." Er selbst ergänzte als Autor und Herausgeber des Blattes die Zitate mit den Worten: "Wir haben dem nichts hinzuzufügen." 

Von Gottberg wurde 1940 in Ostpreußen geboren, das heute in Polen liegt. In den siebziger Jahren war er der Landsmannschaft Ostpreußen beigetreten, 1992 wurde er deren Vorsitzender. In einem Interview mit der Jungen Freiheit hatte er von Polen und Tschechien eine Entschuldigung für die "völkermordartigen Vertreibungsverbrechen" an den Deutschen verlangt, außerdem sprach er von einem "Rückkehrrecht in die Heimat" Ostpreußen. 

2003 verteidigte er den damaligen CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann gegen Kritik, was wiederum Kritik gegen ihn selbst nach sich zog. Hohmann hatte in einer Rede die Täterschaft der Juden und Deutschen in der Weltgeschichte verglichen. Vor Gericht ging von Gottberg in diesem Zusammenhang gegen mehrere seiner Kritiker vor, unterlag jedoch. Hohmann kandidiert zur Bundestagswahl nunmehr für die AfD auf Platz vier der Landesliste Hessen.

Noch vor seinem Austritt aus der CDU hielt Gottberg 2007 im Verbindungshaus der Burschenschaft Danubia in München eine Rede. Die Burschenschaft wurde zeitweise im bayerischen Verfassungsschutzbericht erwähnt. 2013 wechselte er in die AfD, für die er zunächst im Kreistag Lüchow-Dannenberg sitzt. Für die Bundestagswahl im September kandidiert er auf Platz vier der Landesliste Niedersachsen.   

Auf Nachfrage sagte Gottberg der ZEIT, er habe sich in der Vergangenheit für die Zitate des Rechtsextremen Consoli "in einer deutschen Tageszeitung" entschuldigt. Wo genau, wollte er nicht sagen. Er ergänzte, "dass es etliche Artikel aus meiner Feder gibt, in denen ich den unter deutscher Verantwortung begangenen Völkermord am europäischen Judentum klar benannt und geächtet habe". 

Die AfD steht wegen diverser nationalistischer Äußerungen von Funktionären in der Kritik. Gegen den thüringischen Fraktions- und Landeschef Björn Höcke leitete der Bundesvorstand nach öffentlicher Empörung ein Ausschlussverfahren ein. Höcke hatte im Zusammenhang mit dem Berliner Holocaustmahnmal auf einer Veranstaltung in Dresden unter anderem von einem "Denkmal der Schande" gesprochen. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde jedoch eingestellt.

Alterspräsident des Bundestages könnte von Gottberg deshalb werden, weil der 77-jährige Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele nicht mehr zur Wahl antritt. Und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hermann Otto Solms, der für die hessische FDP wieder ins Parlament einziehen will, wäre mit 76 Jahren nur der zweitälteste Abgeordnete. Voraussetzung wäre, dass die FDP auf acht Prozent kommt. Im Bundesschnitt liegt sie derzeit bei sechs, also knapp über der Fünfprozenthürde. Die AfD müsste die derzeit prognostizierten neun Prozent halten, damit von Gottberg ein Mandat erhält.