Wie geht der Spruch? Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. Zwei Jahre nach Bernd Lucke scheitert nun mit Frauke Petry die nächste AfD-Vorsitzende an der eigenen Partei. Beide waren sie als verehrte und unangefochtene Anführer gestartet, beide sind sie in Rekordzeit an den Rand gedrängt worden. Die Partei ist zwar jetzt eine andere als bei Luckes Abgang. Aber Petrys jetziger Absturz reimt sich eben doch darauf. Denn dem Wesen nach ist diese Partei die gleiche geblieben: Die AfD frisst jeden, der sie zu bändigen versucht. Und besonders gern frisst sie Vorsitzende. Sie kann gar nicht anders.

In dem Videostatement, das streckenweise schon wie eine Schlussabrechnung wirkt, klagt Petry vor allem darüber, dass die Partei sich nicht eine einheitliche Strategie gebe, die auch für alle gelten würde. "So ist das Außenbild der AfD immer wieder durch die unabgestimmte, also für die Parteiführung völlig überraschende maximale Provokation weniger Repräsentanten geprägt", sagt sie. Das stimmt. Aber Petry greift zu kurz, wenn sie das nur für ein Strategieproblem hält, für einen Konflikt zwischen Fundamentalopposition und dem, was sie "Realpolitik" nennt (ein für Petrys hemmungslosen Populismus skurril falsches Label).

Nein, die AfD wird gerade dadurch definiert, dass sie keine Strategie wie andere Parteien hat. Ihre Strategie ist die Prinzipienlosigkeit. Die ständigen Grenzüberschreitungen, die Ausweitung des politisch Sagbaren machen diese Partei aus. Enthemmung ist ihr Programm. 

Vorsitzende als Antikörper

Enthemmte aber lassen sich nicht führen, sie empfinden das nur als Gängelung. Sie lassen sich auch nicht auf Kompromisse verpflichten. Genau das aber, Kompromisse ausfechten und dann die Partei durch Führung auch darauf zu verpflichten, ist Aufgabe von Vorsitzenden. Das kann nicht funktionieren. Deshalb greift die AfD ihre Vorsitzenden an und stößt sie ab wie Antikörper.

Es ist kein Zufall, dass sich Alexander Gauland, der einzige Funktionär mit schwergewichtiger politischer Erfahrung, seit Gründung der AfD immer kurz hinter den Vorsitzenden aufgehalten hat, in der anderthalbten Reihe. Dort, wo man wichtig ist, aber nicht verantwortlich.

Aber weder Lucke noch Petry eignen sich für die Rolle vom armen Opfer. Sie sind auch Täter. Lucke forderte 2013 noch "neue Tabubrüche", um dann 2015 darüber zu klagen, dass die Partei auch jene Tabus brach, die er aufstellen wollte. Petry wurde seine Nachfolgerin, indem sie sich an die Spitze der Enthemmten stellte und ihnen zum Sieg über Lucke verhalf. Nun wird sie selbst Opfer der Enthemmung.

Die Partei ist nur die Bühne

Um nichts geht es dabei weniger als um Inhalte oder darum, dass der Wähler ein Recht darauf habe, "von uns zu wissen, wie wir uns die kommenden Jahre als Partei aufstellen wollen", wie Petry nun sagt. Nichts illustriert das besser als völlige Gleichgültigkeit, mit der Björn Höcke den Programmfragen begegnet. Er konnte zu einem der wichtigsten Männer der Partei werden, ohne sich überhaupt je an der inhaltlichen Arbeit zu beteiligen. Zu einem Parteitag in Hannover kam er einst demonstrativ ein paar Stunden verspätet, der stramme Applaus seiner Kader unterbrach den Tagungsablauf, aber das war Höcke naturgemäß egal. Die Partei ist nur seine Bühne.

Was geschieht nun in Köln, auf dem Parteitag an diesem Wochenende? Petry hat mit ihrem Video versucht, für ihren "Zukunftsantrag" zu werben, sie hat an das Verantwortungsgefühl der Delegierten für die Gesamtpartei appelliert. Aber woher sollte das so plötzlich kommen? Warum sollten sie dem Antrag einer Vorsitzenden folgen, die angekündigt hat, dass sie die Spitzenkandidatur gar nicht will? Und falls sich ihr Antrag nicht durchsetzt: Wie geht es dann weiter? Vorstandswahlen sind eigentlich erst im Herbst, aber wie soll Petry eine Partei führen, die ihr in der zentralen Frage widerspricht? Sie müsste zurücktreten. Vielleicht ist es schon an diesem Wochenende in Köln soweit.