Anders als bei den meisten vorherigen AfD-Bundesparteitagen dürfen diesmal nicht alle Mitglieder teilnehmen, sondern nur 600 Delegierte. Diese haben die jeweiligen Landesverbände in den vergangenen Wochen gewählt. Delegiertenparteitage sind weniger unberechenbar als Parteitage, bei denen alle Mitglieder zugelassen sind und niemand weiß, wie viele und wer genau kommt. Näher am Tagungsort liegende Landesverbände sind dann meist stärker vertreten. Delegierte hingegen fühlen sich eher an den Willen ihres Landesverbandes gebunden und haben sich oft zu den wichtigen Fragen schon vor dem Parteitag eine klare Meinung gebildet.

Der Parteitag ist das höchste Gremium einer Partei. Er kann über alles entscheiden, auch  die eigene Tagesordnung. Er kann Vorstandsbeschlüsse kippen oder die Ergebnisse von Mitgliederumfragen.      

Was steht auf der Tagesordnung?

Der Parteitag soll das Programm für die Bundestagswahl beschließen, das inhaltlich auf dem Parteiprogramm basiert. Außerdem wird es darum gehen, ob die Partei mit einem einzigen Spitzenkandidaten oder einem Team in den Wahlkampf geht und wer diesem Team angehören soll. Die Wahlkampfkampagne wird auch vorgestellt.

Daneben ist eine Nachwahl von Mitgliedern des Bundesschiedsgerichts vorgesehen, das über parteiinterne Streitfälle entscheidet – höchstwahrscheinlich auch über den Ausschluss des nationalistischen Thüringer Landes- und Fraktionschefs Björn Höcke.   

Wer führt die AfD im Bundestagswahlkampf?

Wohl nicht die Parteisprecher Frauke Petry und Jörg Meuthen. Beide haben eine Kandidatur für das Spitzenteam ausgeschlossen. Meuthen will Fraktionschef in Baden-Württemberg bleiben, Petry hat gerade ihren Verzicht erklärt, weil sie Personalfragen nicht mit inhaltlichen Fragen verbinden wolle.

Theoretisch kann sich für das Spitzenteam jedes Mitglied spontan bewerben. Mehrere namhafte Funktionäre haben schon Interesse signalisiert: Alexander Gauland, Bundesvorstandsmitglied seit Gründung der Partei und der einzige mit großer politischer Vorerfahrung (bei der CDU als Leiter der hessischen Staatskanzlei). Gauland stellte sich zuletzt in den meisten strittigen Fragen gegen Petry. Außerdem kandidiert Alice Weidel, eine junge Ökonomin und Vorstandsmitglied aus Baden-Württemberg. Ihr Landesverband nominierte sie nach Petrys Verzichtserklärung am Mittwoch offiziell für ein Spitzenteam. Sie wäre als Vertreterin des wirtschaftsliberalen Flügels und auch regional der passende Gegenpart zu Gauland, der in Brandenburg Fraktionschef ist. In Teilen der Partei gilt sie jedoch als machtpolitisch beschädigt, weil sie bei der Wahl zum Landesvorsitz Konkurrenten unterlag.

Im Gespräch ist auch der rechtskonservative NRW-Spitzenkandidat Martin Renner – ein Gegner von Petrys Ehemann Marcus Pretzell aus dem selben Landesverband. Weiterhin wird der diplomatisch auftretende Hamburger Landeschef Bernd Baumann genannt, der Landes- und Fraktionschef Leif-Erik Holm aus Schwerin, auch die hessische Spitzenkandidatin Mariana Harder-Kühnel. Und natürlich sind auch die Bundesvorstandsmitglieder qua Amt für ein solches Team qualifiziert, darunter der Niedersachse Armin-Paul-Hampel oder der Berliner Georg Pazderski.   

Vielleicht entscheidet sich aber der Parteitag auch, überhaupt kein Spitzenteam aufzustellen. Petry nennt dessen Funktion "nur symbolisch", Bundesvorstandsmitglied Albrecht Glaser macht "keinen Hehl daraus, dass ich die Idee des Spitzenteams für nebulös gehalten habe". Sein Vorstandskollege Pazderski äußerte sich auch so.

Was wird aus Petry?

Dass sie drei Tage vor dem Parteitag angekündigt hat, nicht ins Spitzenteam zu wollen, ist noch kein Rückzug. Sie kandidiert in Sachsen auf Platz eins der Liste für die Bundestagswahl, hat ihren Platz im Bundestag also nahezu sicher.

Ihre Zukunft als Parteivorsitzende ist weniger klar. Im Herbst wird laut Plan neu gewählt, ob sie dann noch mal antritt und gewählt würde, ist angesichts ihrer aktuellen Bedrängnis unklar. Theoretisch wäre es auch möglich, dass schon der jetzige Parteitag in Köln die Vorstandswahl auf die Tagesordnung setzt und Petry stürzt. Aber bisher hat niemand Wichtiges ihren schnellen Rücktritt gefordert. Auch ihre Gegner wissen, dass viele Wähler und Mitglieder zu Petry halten wollen. Sie fürchten, ohne Petry werde die AfD marginalisiert. Der Spiegel zitierte einen Allensbach-Meinungsforscher, nach einem Rückzug der "halbwegs gemäßigten Vertreter" könnte die Partei ein Drittel ihrer Anhänger verlieren. Als eine solche gemäßigte Vertreterin gilt Petry, auch wenn das eher an ihrem Tonfall liegt. Bei konkreten Themen unterscheidet sie wenig von Gauland oder Höcke.

Das könnte sogar dazu führen, dass sie aus den Reihen der Delegierten heraus aufgefordert wird, doch im Wahlkampfspitzenteam mitzuwirken. Entscheidend hierfür dürfte sein, ob der Parteitag ihrem sogenannten Zukunftsantrag folgt. "Wenn Petry mit ihrem Antrag durchkommt, könnte sie Oberwasser bekommen", sagt einer aus der Parteiführung.

Kritiker werfen Petry Alleingänge und Egoismen vor – ein Vorwurf, der auch ihren 2015 abgewählten Vorgänger Bernd Lucke traf. Das Video mit Petrys Verzichtserklärung hatte die engste Parteiführung kalt erwischt. "Was sie inhaltlich macht, stimmt sie nicht ab", raunt einer aus ihrer Umgebung.

Welche Strategie gibt sich die AfD?

Petrys "Sachantrag zur politischen Ausrichtung der AfD" will die Partei auf eine realpolitische Linie bringen. Sie sagt, Fundamentalopposition allein, wie sie ihr Gegenspieler Gauland verfolge, bringe nichts. So benötige die Partei 20 Jahre, bis sie an die Regierungsmacht käme. Petry will festschreiben, dass die AfD schon nach einer Wahlperiode in der Opposition "als Seniorpartner" regieren soll, als größere Partei in einer Koalition also.

Aber wird der Parteitag sich überhaupt mit Petrys Vorschlag befassen? Das ist noch unklar. Das mit dem Antragskoordination befasste Bundesvorstandsmitglied Albrecht Glaser ließ durchblicken, dass er in Köln zugunsten der Wahlprogrammdiskussion gern auf dieses Thema verzichten würde. Es bestehe die "Gefahr, dass wir uns verzetteln".

Anderseits liegen die Kontrahenten in der Sache gar nicht so weit auseinander. In seinem Landtag mache die AfD doch bereits Realpolitik – als Fundamentalopposition, lenkt der Sachsen-Anhalter Landes- und Fraktionschef André Poggenburg ein. "Das praktizieren wir in Sachsen-Anhalt als Oppositionsführer sehr erfolgreich." Auch die Berliner AfD signalisiert Zustimmung – deren Abgeordnetenhausfraktion hatte Anfang April schon einen inhaltlich nahezu deckungsgleichen Antrag beschlossen. Selbst Widersacher Gauland signalisierte im Tagespiegel Zustimmung, "wenn mein Name da rauskommt".

Wie groß werden die Proteste gegen den Parteitag?

Es könnte gut sein, dass am Wochenende so viele Menschen in Köln demonstrieren wie noch nie bei einem Parteitag in Deutschland. Die AfD trifft sich in einem Hotel mitten in der Stadt am Rhein. Am Morgen starten Sternmärsche zum zentral gelegenen Heumarkt. Bis zum Nachmittag gibt es mehrere weitere Demonstrationszüge und Kundgebungen, zu denen jeweils zwischen 1.000 und 30.000 Menschen erwartet werden. Beteiligt sind etwa 60 Bündnisse, auch die Kirchen, der FC Köln oder das Festkomitee Kölner Karneval unterstützen die AfD-Gegner. Viele Geschäfte in der Innenstadt wollen nicht öffnen, die Polizei hat ein Flugverbot verhängt – einmalig bei einem Parteitag.

Die Polizei hat 4.000 Beamte im Einsatz. Sie rechnet damit, dass Sitzblockierer den Parteitag verhindern wollen. Aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland könnten mehrere Tausend Linksextremisten anreisen, sagte Polizeipräsident Jürgen Mathies, darunter Hunderte "gewaltbereite Personen". Die bayerische Polizei verhängte nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ein Reiseverbot gegen mehr als ein Dutzend Linksautonome. Der AfD-Bundesvorstand wandte sich in einem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und warnte davor, dass der Parteitag ganz an den Protesten scheitern könnte. "Das wäre wie in der Weimarer Republik", sagt einer der Parteiverantwortlichen.