Nur unter massivem Polizeischutz haben die Delegierten des AfD-Bundesparteitags das Tagungshotel in Köln erreicht. Rund um den Veranstaltungsort in der Innenstadt waren Hunderte Demonstranten aufgezogen, die mit Sprechchören, Transparenten, Pfiffen und Blockaden gegen die rechtspopulistischen Politiker protestierten. Dabei kam es immer wieder zu Rangeleien mit der Polizei. Ein Polizist wurde im Gesicht verletzt, woraufhin ein Verdächtiger vorläufig festgenommen wurde.

Die Diskussion um die künftige Rolle von Frauke Petry hat sich derweil verschärft. Mehrere Bundesvorstandsmitglieder nahmen die Bundesvorsitzende im Gespräch mit ZEIT ONLINE gegen die Deutung in Schutz, sie habe mit ihrem Verzicht auf das Mitwirken im Wahlkampfspitzenteam der AfD ihren Führungsanspruch verwirkt. Dirk Driesang sagte, Petry sei "nach wie vor zu Recht Bundessprecherin dieser Partei". An dieser Stelle sei sie "auch zukünftig" die Richtige. "Wer Petry zu früh abschreibt, macht einen schweren Fehler." Vorstandskollege Alexander Gauland, der als Gegenspieler von Petry gilt, sagte über deren Zukunft: "Frauke Petry ist das bekannte Gesicht dieser Partei." Sie sei auch jetzt "keinesfalls von Spitzenämtern ausgeschlossen".

Auch Marcus Pretzell, Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und Ehemann Petrys, wies den Vorwurf zurück, Petry könne nicht mehr führen. Wer Führungsqualitäten habe, sehe man unter anderem an der Landtagsfraktion in Sachsen, der Petry vorsteht, sagte er. In nahezu keiner der anderen Landtagsfraktionen laufe es so gut.

Alle drei beziehen sich auf Äußerungen des niedersächsischen Vorstandsmitglieds Armin-Paul Hampel, der Petry vorgeworfen hatte, sie habe ihren Führungsanspruch aufgegeben. Petry ignoriere den Ruf der Partei nach einem Spitzenteam für den Bundestagswahlkampf, sagte er dem Spiegel. Ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen aus Baden-Württemberg ergänzte, dass Petry auch keinen Anspruch mehr auf das Amt der Fraktionschefin im Bundestag habe, in den die AfD derzeitigen Umfragen nach einziehen wird. Ähnlich sagte es sein Vorstandskollege André Poggenburg. 

Frauke Petry - AfD bemüht sich um Geschlossenheit Nach Frauke Petrys Absage zur Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl bemüht sich die AfD um Geschlossenheit. Auf dem Parteitag in Köln soll auch über die künftige Parteilinie entschieden werden. © Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Gauland bezeichnete das Vorgehen von Hampel, Meuthen und Poggenburg als nicht hilfreich. "Die Partei hat Frauke Petry an die Spitze gestellt", hielt er ihren Kritikern entgegen. "Und sie wird noch dieses Jahr wieder darüber befinden, ob sie weiter an der Spitze stehen soll."

Hintergrund der Kritik an Petry war deren Ankündigung vom Mittwoch, nicht in einem möglichen Wahlkampfteam für die Bundestagswahl mitwirken zu wollen. Auch eine Spitzenkandidatur lehnte sie ab. Ihre Kritiker legen ihr das als Schwäche aus. Petry will stattdessen auf dem Parteitag für den von ihr gestellten sogenannten Zukunftsantrag werben. Mit dem will sie die AfD auf einen realpolitischen Kurs lenken, der zur übernächsten Wahlperiode auch Regierungsbeteiligungen ermöglichen soll. Zudem will sie den Einfluss der Nationalisten in der Partei klein halten. Das trug ihr die Kritik ein, eine mögliche Spaltung der Partei zu begünstigen.

Das will Julian Flak nicht gelten lassen. Das schleswig-holsteiner AfD-Bundesvorstandsmitglied entgegnete Hampel und Meuthen, es sei "bezeichnend, dass diese Kritik von jenen kommt, die sonst vorgeben, sich um die Einheit der Partei zu sorgen". Die Diskussion um Petrys Führungsanspruch "kommt zur Unzeit".   

Die 600 Delegierten des Parteitags in Köln sollen das Wahlprogramm für die Bundestagswahl beschließen. Petry und ihre Unterstützer wollen auch die strategische Ausrichtung auf die Tagesordnung setzen. Der Parteitag findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Hunderte Polizeifahrzeuge sind um das Tagungshotel am Rheinufer aufgefahren, Straßen und Tunnel sind dort bereits gesperrt, Wasserwerfer sind vor dem Eingang postiert. Es gilt ein ziviles Flugverbot.

Das Hotel und die für Samstag im nahen Stadtzentrum angekündigten Protestveranstaltungen werden durch mehrere Tausend Polizisten geschützt. Die Veranstalter rechnen mit 50.000 Teilnehmern.