Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahre ist bei den unteren Vermögensklassen nicht angekommen. Das zeigt der fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. "Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Die Ungleichheit in den Vermögen habe sich durch die positive wirtschaftliche Entwicklung nicht wirklich verändert. "Der Bericht zeigt uns, dass es eine verfestigte Ungleichheit bei den Vermögen gibt. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Die untere Hälfte nur ein Prozent", sagte Nahles.

Der Bericht belegt laut Nahles allerdings eine insgesamt positive Entwicklung der sozialen Lage. Die Unterschiede bei den Vermögen werden durch die Einführung des Mindestlohns 2015 wieder ein Stück geringer. Diesen Trend will die Ministerin durch die Eindämmung von Leiharbeit und Werkverträgen verstärken.

Die erste Fassung des Berichts war bei der Union auf Widerstand gestoßen. Die SPD legte bei diesem Bericht einen besonderen Fokus auf Reichtum. Insbesondere die darin erstmals enthaltene Befragung von Hochvermögenden und die Analyse zu deren Einfluss auf die Gesellschaft hatten zwischen Nahles und dem Bundeskanzleramt zu Diskussionen geführt. Ursprünglich geplante Passagen hierzu waren aus dem Bericht gestrichen worden, unter anderem die Formulierung, das politische Veränderungen wahrscheinlicher seien, wenn diese von "einer großen Anzahl von Menschen mit höherem Einkommen unterstützt" würden.

Armutsforscher kritisiert Bericht

Der Kölner Armutsforscher, Christoph Butterwegge, warf der Bundesregierung in einem Gastbeitrag für ZEIT ONLINE "Schönfärberei" vor. Butterwegge schreibt, die Regierung wolle den Bericht nutzen, um den Wählern ihre bisherige Politik als "Erfolgsgeschichte zu verkaufen und Sand in die Augen zu streuen, statt ehrlich die vorhandenen Probleme aufzulisten."

Der Bericht, den die Bundesregierung alle vier Jahre erstellt, belegt aus Sicht von Nahles dagegen eine insgesamt positive Entwicklung der sozialen Lage in Deutschland. Anhaltendes Wirtschaftswachstum habe zur niedrigsten Arbeitslosigkeit seit der deutschen Einheit beigetragen. Seit Mitte des letzten Jahrzehnts hat sich die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um etwa sechs Millionen erhöht.