Blau sind die Zettel, die über die Wahl Christian Lindners zum Parteichef entscheiden. Helfer in gelben T-Shirts sammeln sie ein und bringen sie zum Auszählen in einen Nebenraum. Da es keinen Gegenkandidaten auf dem Bundesparteitag in Berlin gibt, ist der Ausgang der Wahl schon vorher klar. Dementsprechend schmucklos und nüchtern fällt eine halbe Stunde später die Bekanntgabe des Ergebnisses aus: Mit 91 Prozent der Stimmen wird Lindner im Amt bestätigt.

Noch am Vortag hatte Lindners Stellvertreter Wolfgang Kubicki vor zu viel Zustimmung gewarnt, um nicht ein solch "sozialistisches Ergebnis" zu bekommen wie Martin Schulz bei der SPD. Zur FDP, einer Partei der Meinungsfreiheit, passe es besser, nicht "mit geballter Faust in der Tasche dem Mainstream zu folgen, nur um ein Rekordergebnis zu erreichen". Die Delegierten folgten dem Wunsch – auch bei der Wahl Kubickis, den sie mit 92,2 Prozent als stellvertretenden Parteichef im Amt bestätigten.

"Wie ein Schlafwandler"

Zuvor hatte Lindner die Delegierten in einer 75-minütigen Rede auf den Wahlkampf eingeschworen, mit teils heftigen Attacken gegen die große Koalition, der er Stillstand und Untätigkeit – vor allem bei dem FDP-Thema, der Steuerpolitik – vorwarf. Trotz Mehrheit im Bundestag sei es Schwarz-Rot nicht gelungen, große Probleme zu lösen, sondern neue durch Untätigkeit zu schaffen: "Wie ein Schlafwandler bewegt sich Deutschland in der Komfortzone."

Und das liege nicht nur an einer "ambitionslosen Regierung", sondern auch an der links-grünen Opposition. Eins von beidem wolle die FDP verändern. Mit wem, sagt Lindner nicht. "Wir gehen ohne Koalitionsaussage in den Bundestagswahlkampf", so der Parteichef. "Wir werden unsere Chancen nicht verspielen, indem wir uns zum nützlichen Idioten für beliebige Mehrheiten machen lassen."

Die CDU stehe der FDP in der Wirtschafts- und Finanzpolitik zwar näher als die SPD. In einer Zeit des Wandels sei das "Weiter so" von Kanzlerin Angela Merkel aber genauso gefährlich wie "das Zurück" von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Merkel griff Lindner vor allem für ihre Türkeipolitik an, die er für gescheitert erklärte. Deutschland solle vielmehr über einen Grundlagenvertrag mit der Türkei diskutieren. Die sei auf dem Weg in eine islamische Präsidialdiktatur – und, so sieht es Lindner, habe sich damit selbst aus dem EU-Beitrittsprozess manövriert.