Dass die FDP in diesen Tagen nicht normal ist, wird spätestens klar, als die Konfettikanonen knallen. Bunte Schnipsel rieseln auf die Sitzreihen, junge Menschen klatschen und jubeln, Leuchtstäbe in den Händen. In der komplett abgedunkelten Kongresshalle Oberhausen bestrahlt nur ein einziger Scheinwerfer den langen Laufsteg in der Mitte. An dessen Spitze und ganz im Spot steht Christian Lindner. Die Lichtgestalt.

Wir befinden uns auf dem Bundeskongress der Jungen Liberalen, der Nachwuchsorganisation der FDP. Normalerweise triezt der Parteinachwuchs seine Alten beständig, das war lange auch bei der FDP so. Aber diese Jungpolitiker hier bereiten ihrem Alten eine Jubelbühne und dienen gerne als Applausmasse. Das liegt nicht nur daran, dass Christian Lindner mit 38 Jahren noch recht nah an ihnen dran ist. Es liegt vor allem daran, dass die gesamte FDP, nicht nur die in Nordrhein-Westfalen, seit über drei Jahren auf Lindner zugeschnitten ist. Er steht im Licht, der große Rest bleibt im Schatten.

Die Frage ist nun, was das für die Partei bedeutet. Für ihre Erfolgsaussichten einerseits und für ihren inneren Zustand andererseits. Im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf kann man in diesen Tagen Hinweise darauf sammeln.

Das Land ist das Hauptquartier von Lindners FDP-Neustart. Bei der Landtagswahl 2012 hatte die FDP hier mit ihm als Spitzenkandidaten immer noch 8,6 Prozent geholt, ein fast schon irreal gutes Ergebnis für die damals bereits krisengeschüttelte Partei. Nachdem die Liberalen dann 2013 aus dem Bundestag geflogen waren, übernahm der NRW-Landesvorsitzende Lindner auch den Bundesvorsitz, die Liberalen legten ihr Schicksal in seine Hände. Ansonsten war ja auch kaum noch einer übrig von der alten Führungsriege. Parteichef Philipp Rösler, dessen Vorgänger Guido Westerwelle, Fraktionschef Rainer Brüderle, Generalsekretär Patrick Döring: Alle waren sie untergegangen oder ausgestiegen. Lindner war der last man standing. Er sagt selbst: "Damals war die FDP für viele nur eine stinkende Leiche."

Ein Donnerstagabend im April in Düsseldorf. Das Private Equity Forum hat zum German.Venture.Day geladen. Am Nachmittag haben Start-ups im Schnelldurchlauf Investoren ihre Ideen vorgestellt, jetzt bieten junge Menschen bunte Getränke und gesunde Riegel an, die sie gerade erst erfunden haben. Der Parteivorsitzende kommt federnden Schrittes, zum grauen Anzug trägt er Sneaker. Applaus für Lindner, den einstigen Jungunternehmer.

Eine Rede als "Pitch"

Lindner geht gar nicht erst auf die Bühne, er läuft unten im Mittelgang zwischen den Sitzreihen auf und ab, das Mikro hängt ihm fast unsichtbar am Kragen, so dass er die Hände frei hat für seine knappen, präzisen Gesten. Natürlich spricht er frei, wie immer. Sein ganzer Auftritt ist so professionell lässig, wie das sonst niemand hinkriegt in der deutschen Politik.

Drei Vorschläge hat er mitgebracht zur Stärkung der Deutschen Start-up-Szene, er feuert die Bulletpoints ab. Erstens, zweitens, drittens: Digitalisierung endlich nutzen, Unternehmer wieder cool machen, privates Kapital befreien. "Das war mein Pitch", sagt Lindner zum Schluss.

Das ist die erste Erkenntnis: Lindner preist seine Partei an wie ein professioneller Verkäufer sein Produkt, der Wähler ist der Investor. Einsteigen oder nicht?

Was ist eigentlich "liberal"?

Vielleicht muss Lindner das so machen. Auf Start-up-Wettbewerben üben Gründer Elevator-Pitches: Sie müssen Investoren in den paar Augenblicken einer gemeinsamen Aufzugfahrt von sich überzeugen. So ist das auch bei den Liberalen: Sie sind öffentlich so marginalisiert, dass ihre Möglichkeiten, Wähler anzusprechen, auf das Ausmaß einer Aufzugfahrt geschrumpft sind.

Was macht die Lindner-FDP inhaltlich mit dieser Aufmerksamkeit? Lindner sagt, nach dem Absturz habe sich jeder Einzelne und die Partei als Ganzes noch mal fragen müssen, was Liberalsein bedeute. "Wir haben nochmal ganz grundlegend neu gedacht", sagt er bei den Julis in Oberhausen. Ins Zentrum stellt er nun die Sicht, "dass der Mensch der beste Experte für sein Leben ist". Die FDP vertrete "das optimistischste Menschenbild, das man überhaupt nur haben kann".

Lieblingsgegner: die Grünen

Selbstbestimmung und Optimismus also. Was das bedeutet, ist bei dieser FDP allerdings schon schwerer herauszufinden. Und genau das scheint Lindners Absicht zu sein.

Beim Nachwuchs in Oberhausen gibt Lindner den enthusiastischen Europäer und Internationalisten. In der Debatte um die Flüchtlingspolitik manövrierte er im Korridor zwischen Merkel-Linie und AfD-Demagogie. Er schimpfte auf den "Massenzustrom" und unterstellte Merkel "eine zeitweise Politik der grenzenlosen Aufnahmebereitschaft", die "falsch und in Teilen chaotisch" gewesen sei. Lindner will weniger Belastungen für die Mittelschicht, geht aber nicht so weit, kategorisch Steuersenkungen zu fordern, weil das so sehr nach alter FDP klänge. Er schimpft auf den NRW-Innenminister Ralf Jäger, weil der sich nicht genug um die Sicherheit der Menschen kümmere, und gern auch auf Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, weil diese den wirtschaftsfeindlichen grünen Ministern in der Regierung "jeden Wunsch von den Lippen" ablese.

Das ist ein interessanter Kniff, den Lindner besonders gern im Landtag anwendet, wo er mit weitem Abstand der beste Redner ist: Schlecht an der SPD ist, dass sie die Grünen machen lässt. Das klingt nach kräftiger Opposition und lässt doch das Band zu den Sozialdemokraten nicht ganz abreißen.

Schulz' Avancen sind ein Geschenk

Dass Martin Schulz andeutet, eine gemeinsame Regierung mit FDP und Grünen könne er sich gut vorstellen, ist für die Liberalen ein Geschenk. Allein das öffentliche Gedankenspiel wertet die FDP schon auf. Von wegen vermoderte Leiche! Die Partei ist so lebendig, dass wieder um sie gebuhlt wird.

Lindner weiß, wie er aus solchen Vorlagen das Maximale herausholt: Er gibt ihm einen Korb. Das sieht nach Stärke aus. Also sagt er, beispielsweise bei jenem Investorenforum in Düsseldorf: "Der Schulz buhlt gerade jeden Tag um uns." Und dann: "Wie erklärt sich denn der Hype für den Schulz? Nur mit ökonomischem Analphabetismus kann man das erklären. Da ist einer, der leidenschaftlich dummes Zeug redet." Rumms.

Allerdings hat Lindner in NRW ein Bündnis mit der SPD nie ausgeschlossen, nur die Ampel. Lindner sagt, die FDP kämpfe schließlich nur für sich. Vielleicht ist es aber eher so, bei den Koalitionsoptionen wie auch bei Inhalten, dass die neue FDP nach allen Seiten offen bleiben will, weil sie für ihren Neuanfang wirklich jede Stimme braucht.

Dass von dieser neuen FDP nur Lindner sichtbar ist, hält Lindner selbst für die Schuld der Medien. "Die akzeptieren ja keinen anderen Gesprächspartner außer mir." Anderseits hat er entschieden, auf allen Wahlplakaten in NRW nur sich zu zeigen. Keine anderen Kandidaten, keine Bürger. Ausschließlich Lindner, in schwarz-weißen Schnappschuss-Porträts. Er hat auch eine Videoreihe bei Facebook, #CLimAuto heißt sie. Der Parteivorsitzende spricht in seine Handykamera über die Pressefreiheit in der Türkei oder die Wirtschaftslage in NRW, und im Hintergrund rauscht die Autobahn vorbei. Nebenan bei Twitter haben sie den Bot-Account @FDPShots angelegt und groß beworben, der politische Antworten "Mit einem Klick" verspricht. Das sieht alles so jung aus, dass es ebenso von den Jungen Liberalen kommen könnte und nicht von den alten Liberalen. Vielleicht ist es auch diese äußerliche Annäherung, die den Nachwuchs so geschmeidig und zufrieden macht.

Der Frust des alten Weggefährten

Gar nicht geschmeidig und zufrieden aber ist einer, der Christian Lindner und die FDP sehr gut kennt. Gerhard Papke arbeitete einst bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, als dort ein junger Mann als Hausmeister seinen Zivildienst ableistete: Christian Lindner. 1998 war das. Die beiden machten seitdem gemeinsam Karriere, zogen 2000 zusammen in den Landtag ein. Papke war von 2005 bis 2012 Fraktionsvorsitzender, dann übernahm Lindner. Im vergangenen September dann der Knall: Papke will nicht mehr antreten, denn er sei "vom aktuellen FDP-Kurs nicht hinreichend überzeugt, um meine Partei auch bei den nächsten Wahlen exponiert zu vertreten.". Ein Angriff auf den jüngeren, jetzt erfolgreicheren Lindner.

Was ist passiert? Am Telefon sagt Papke, er wolle dazu jetzt öffentlich nichts sagen, nicht vor der Wahl. Aber so viel sagt er doch: Er schreibt an einem Buch über die vergangenen Jahre. Und Lindner wird darin eine prominente Rolle spielen. Man muss nicht groß auf Papkes Untertöne hören, um zu ahnen: Es wird eine negative sein.

"Dann bin ich wieder ein freier Mann"

Inhaltlich war Papke die Haltung der FDP zur Flüchtlingspolitik nicht hart genug, er nennt das: nicht "bürgerlich" genug. Aber er deutet auch an, dass die Art, wie Lindner mit der eigenen Partei umgeht, mit seinem Rückzug zu tun hat. Wenn er aus dem Parlament ausgeschieden ist, will er reden. "Danach bin ich wieder ein freier Mann, und ich sehe keine Notwendigkeit, mir ein Schweigegelübde aufzuerlegen."

Man muss nun Papkes Abrechnung nicht zu wichtig nehmen. Einer aus der jungen Riege der Partei sagt: "Ach, wegen Papke wählt doch niemand FDP." Aber die Geschichte des ehemaligen Fraktionsvorsitzenden und Lindner-Freundes bestätigt doch den Eindruck, dass Teile dieser Partei auch darunter leiden, auf ihren Vorsitzenden zusammengeschrumpft zu sein.

Wenn Lindner, wonach alles aussieht, die FDP am 14. Mai wieder in den Landtag von NRW geführt hat, wird er gehen. Nach Berlin, für die nächste und wichtigste Etappe auf seiner Mission Neustart: die Bundestagswahl. Genau genommen werben die FDP-Plakate im Westen des Landes also mit einem Mann, der, wenn er gewählt wird, gar nicht mehr da ist, um sein Mandat und die versprochene Politik umzusetzen.

Spannend ist das zum einen, weil manche Wähler sich ja auch entscheiden könnten, ihn dann gar nicht erst zu wählen. Zum anderen aber wird sich hier nach dem 14. Mai auch zeigen, was nun so lange im Schatten lag: der große Rest der FDP, die nicht Lindner ist.