Das trockene "Moin" oder "Goddag" zur Begrüßung ist das erste, was einem auffällt. Und dann das "Refugees Welcome", das noch immer als Aufkleber an vielen Laternenmasten klebt und als Graffiti an Hauswänden prangt. Es erinnert an den Moment, als Flensburg zu einem Hotspot der Flüchtlingskrise wurde: Rund 80.000 Flüchtlinge kamen ab September 2015 in die Stadt an der dänischen Grenze, weil sie weiter nach Schweden wollten. Tausende strandeten, weil Dänemark die Durchfahrt verweigerte und schließlich ganz stoppte.

Über Nacht entstand am Bahnhof eine Initiative, die die Geflüchteten mit dem Nötigsten versorgte: Essen, Kleidung, Schlafplätze, weil die Behörden nicht hinterherkamen. "Die Hilfsbereitschaft war riesig", erinnert sich Daniela Weichert-Thümmel. Die 44-jährige Mutter von vier Kindern las damals einen Aufruf auf Facebook und brachte Kinderkleidung. Als sie sah, wie groß die Not war, blieb sie und begann mit anderen, das Chaos der ersten Tage zu lichten. "Der Zusammenhalt in unserer Stadt ist groß. Man hilft sich und versucht, Dinge gemeinsam zu lösen", sagt sie. Und so brachte eine ältere Dame jeden Tag 100 Eier, ein türkischer Bäcker lieferte gratis arabisches Brot. Auch die Feuerwehr half: "Was gebraucht wurde, wurde gebracht."

Weichert-Thümmel ist noch immer in der Flüchtlingsinitiative aktiv, sie bildet jetzt ehrenamtliche Helfer aus. Eine andere, die damals ebenfalls monatelang am Bahnhof half, residiert nun im 13. Stock des Rathauses, mit weitem Blick über die schöne Altstadt, den Hafen und die Förde bis ins nahe Dänemark. Simone Lange ist seit Januar Oberbürgermeisterin und noch immer stolz darauf, was die Bürger ihrer Stadt vor eineinhalb Jahren, auch mit Unterstützung vieler Dänen, auf die Beine gestellt haben.

Die agile blonde Frau, bis dahin SPD-Landtagsabgeordnete, wurde bei der Wahl von einem ungewöhnlich breiten Bündnis unterstützt, auch wegen ihres Flüchtlingsengagements: von SPD, CDU, Grünen und auch Linken. Und ungewöhnlich war auch ihr Weg an die Spitze der Stadt. Denn die 40-Jährige stammt aus Thüringen und kam erst 1999 an die Förde. Mit ihrer DDR-Geschichte begründet sie ihren Einsatz für die Geflüchteten: "Ich weiß selbst, wie das ist, aus einem anderen Land zu kommen, wie sich Vorbehalte anfühlen und wie lange es dauert, bis man angekommen ist."

Zu einem ihrer wichtigsten Ziele hat Lange sich deshalb gesetzt, die Integration zu verbessern. Dazu will sie vor allem Wohnungen bauen, denn in der Stadt herrscht schon jetzt Wohnungsnot, weil sie nach Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs wieder wächst. "Integration fängt da an, wo die Menschen leben, nicht im Integrationskurs", sagt Lange. Die Flüchtlinge sollen daher möglichst dezentral in Wohnungen untergebracht werden, 120 Wohnungen sollen dafür gebaut werden.

Loch im Haushalt

Allerdings wird das kaum reichen, denn in der Stadt leben etwa 2.000 Flüchtlinge, genau weiß das selbst die Bürgermeisterin nicht. Doch Flensburg ist hochverschuldet und hat ein großes Defizit im Haushalt. Lange kann deshalb nur den Mangel verwalten. Die Wohnungen sollen Genossenschaften errichten.

Dass Dänemark seit der Flüchtlingskrise an der Grenze am Stadtrand wieder kontrolliert, ärgert die oberste Flensburgerin. Gemeinsam mit den benachbarten dänischen Städten Sønderborg und Padborg versucht sie, dagegen anzugehen. Denn die Grenzkontrollen behindern nicht nur die Pendler und Touristen, sondern auch den Güterverkehr. Dass in Kopenhagen seit November eine rechts-konservative Koalition regiert und gerade im Süden Dänemarks viele für die fremdenfeindliche Dänische Volkspartei gestimmt haben, macht es aus ihrer Sicht nicht leichter. "Aber wir lassen uns dadurch den Mut nicht nehmen. Wir werden mit den dänischen Partnern noch enger zusammenarbeiten. Denn wir sind eine Region."