Grünen-Chef Cem Özdemir hat den Doppelpass zumindest für spätere Nachfolgegenerationen von Eltern mit ausländischen Wurzeln infrage gestellt. "Natürlich stellt sich irgendwann nach der dritten, vierten, fünften Generation die Frage, ob die dann immer noch die doppelte Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht im Herkunftsland braucht", sagte Özdemir der Deutschen Presse-Agentur.

"Man muss den Doppelpass nicht bis in alle Ewigkeit vererben, wenn die Urenkel längst keinen Bezug mehr zum Ursprungsland ihrer Vorfahren haben", sagte Özdemir. Die Grünen hätten seit Langem darüber diskutiert, die doppelte Staatsbürgerschaft auf einige Generationen zu begrenzen. Özdemir verwies darauf, dass zum Beispiel in Großbritannien die Staatsangehörigen das Wahlrecht verlieren, wenn sie länger als 15 Jahre fest im Ausland lebten. "Wenn wir aufhören, das Thema Doppelpass ideologisch zu betrachten, dann kann man auch über die konkrete Ausgestaltung diskutieren, ohne in Schwarz und Weiß zu denken", sagte Özdemir mit Verweis auf die Union.

Der Doppelpass wird vor Beginn des Bundestagswahlkampfs immer stärker zum Diskussionsthema. Nicht mehr nur Unionspolitiker fordern die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft.

In der Union wird derzeit ein Kompromissvorschlag von Innenminister Thomas de Maizière diskutiert, der dem von Özdemir ähnlich ist. Demzufolge könnten spätere Kinder- und Enkelgenerationen wieder gezwungen werden, sich für einen von beiden Pässen zu entscheiden, damit sich das Recht auf den Doppelpass nicht endlos vererbt, auch wenn die Familie schon seit Generationen in Deutschland lebt.

In der Union mehren sich die Stimmen, die eine Abschaffung des Doppelpasses im Wahlprogramm verankern wollen. "Die CDU sollte den Beschluss des Essener Parteitages 1:1 ins Wahlprogramm aufnehmen", forderte etwa CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach in der Rheinischen Post. Auch Innenstaatssekretär Günter Krings (CDU) sprach sich dafür aus: "Diese langjährige Haltung der Union sollte sich auch 2017 im Wahlprogramm wiederfinden."

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, sagte im Deutschlandfunk, Bürger mit Doppelpass seien eigentlich Bürger zweiter Klasse. Von Kindern könne man keine Entscheidung für eine Staatsbürgerschaft verlangen, aber von Erwachsenen schon. "Und wir sollten – das, finde ich, ist auch eine Lehre jetzt aus den Entwicklungen in der Türkei – eine Entscheidung für diesen Staat verlangen; nicht hier zu leben, sondern auch für diesen Staat, mit allen Rechten und Pflichten."

Die CSU setzt sich ebenfalls dafür ein, ihre altbekannte Forderung ins Wahlprogramm aufzunehmen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte der Bild am Sonntag: "Es war ein Fehler, die Regel abzuschaffen, dass man sich mit 18 für eine Nationalität entscheiden muss. Diese Optionspflicht sollten wir als ersten Schritt unbedingt ins Wahlprogramm der Union für die Bundestagswahl aufnehmen." CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte im Spiegel, beide Schwesterparteien hätten eine klare Beschlusslage, die die Rückkehr zum Optionsmodell vorsehe. "Das sollten wir auch im Wahlkampf offensiv vertreten." Die CSU-Bundestagsabgeordneten hatten zuletzt auf ihrer Klausur im Januar die Abschaffung des Doppelpasses offiziell als Ziel beschlossen. 

Zuvor hatte der CDU-Parteitag im Dezember dafür votiert, die Optionspflicht für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern wieder einzuführen. Damit rückte die CDU von einem Kompromiss mit der SPD aus dem Jahr 2014 ab, wonach sich Kinder von Ausländern nicht mehr bis zum 23. Geburtstag für eine Staatsangehörigkeit entscheiden müssen. CDU-Chefin Angela Merkel ging aber auf Distanz zum Beschluss und sagte damals, dass es in der laufenden Legislaturperiode bei der geltenden Praxis bleibe. Forderungen nach Korrekturen am Doppelpass kamen auch nach dem Referendum in der Türkei wieder hoch, bei dem eine Mehrheit der türkischstämmigen Wähler in Deutschland für die Verfassungsreform von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gestimmt hatte.   

Beim Verfassungsreferendum in der Türkei hatten 51,4 Prozent für die in der EU heftig kritisierte Verfassungsänderung gestimmt, mit der die Macht beim Präsidenten konzentriert wird. Von den in Deutschland zur Wahl gegangenen Türken hatten fast zwei Drittel für die Reform votiert.