In einem Dorf bei Erlangen weht hinter dem Fahrradstellplatz im Garten eines Siedlungshauses eine Deutschland-Fahne. Am Briefkasten klebt unter dem Schild "Keine Werbung" ein schwarzes Lambda: das Symbol der Identitären Bewegung. Hier wohnt Nils Altmieks. Er hat den deutschen Ableger des Vereins gegründet, der sich als "Europas am schnellsten wachsende Jugendbewegung" feiert.

Ein struppiger Familienhund wedelt um seine Beine, als der 30 Jahre alte Bauingenieur auf die Hofeinfahrt tritt. Altmieks bittet nach drinnen, die Treppe hinauf in den ersten Stock des Zweifamilienhauses. Das Wohnzimmer ist liebevoll dekoriert mit Zierkissen, Kletterpflanzen und Identitären-Abzeichen. Ein Lambda baumelt am Wandspiegel, selbst der Spritzschutz hinter dem Herd der offenen Küche ist mit dem Symbol geschmückt. In einer Holzwiege schläft die Tochter, der junge Vater ist gerade in Elternzeit. "Wir sind ganz normale Familien und Jugendliche", sagt Altmieks. Er wirkt erfreut, von seiner politischen Arbeit erzählen zu können.

Es läuft gerade gut für die Identitären. Berlin, Köln, Dresden: Aktivisten der Organisation verschaffen sich immer wieder Zugang zu prominenten Orten, sie klettern auf das Brandenburger Tor, hängen Großbanner am Kölner Hauptbahnhof auf oder am Antikriegsdenkmal vor der Dresdener Frauenkirche und verschwinden kurz darauf wieder. Bilder ihrer Aktionen vermarkten sie im Internet als Symbole des Widerstandes gegen die Flüchtlingspolitik. So erzeugt die Gruppe seit Monaten einen erstaunlichen Medienhype. Hip, frech und gewaltfrei wollen sie sein. Ein neues Greenpeace, nur eben für Patrioten. Kein bisschen rechtsextrem. Das ist die Eigen-PR.

Doch Recherchen von ZEIT ONLINE widerlegen diese Selbstinszenierung. Die Identitären sind keine "Bewegung", ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alte Ziele weiterverfolgen können. In Thüringen beispielsweise hätten zwei Drittel der Identitären einen "rechtsextremistischen Vorlauf", sagt Marcus Lutterbeck, Leiter Rechtsextremismus vom Landesamt für Verfassungsschutz. Auch das Bundesamt in Köln hält die Gruppe für rechtsextremistisch und beobachtet sie.

Wer sind "die Identitären"?

In den vergangenen Monaten hat ZEIT ONLINE öffentlich verfügbares Bildmaterial der wichtigsten Identitären-Aktionen ausgewertet und mit den Ermittlungen von Sicherheitsbehörden abgeglichen. Die Recherche führte über Erlangen nach Rostock, wo der Identitären-Funktionär Daniel Fiß ein Zentrum der jungen Organisation schaffen will, und weiter nach Sachsen-Anhalt und ins österreichische Linz zu Auftritten des einflussreichen Identitären-Vordenkers Götz Kubitschek. Geleakte interne Kommunikation, Informationen von Aussteigern, geheime Handlungsleitfäden und Archivrecherchen machen es möglich, die politischen Wurzeln führender Aktivisten und die Strategien ihrer Gruppe zu verstehen.

Die Identitäre-Bewegung entstand zuerst in Frankreich. Österreichische und neuerdings auch deutsche Aktivisten kopieren das Konzept. Nach eigenen Angaben hat der Verein in Deutschland rund 400 "Fördermitglieder", die regelmäßig Geld überweisen. Doch nur ein Bruchteil von ihnen ist aktiv. Am Ende der Recherche kommen kaum mehr als 100 Namen zusammen: fast nur Männer, hauptsächlich Studenten zwischen 20 und 30 Jahren. Sie sind "die Identitären".

In seinem Wohnzimmer bietet Nils Altmieks Limonade an. Ein weißer Plüschhund hockt hinter dem Identitären-Kader auf der Sofalehne, während er über Ethnien und Identitäten redet. Seine eigene zum Beispiel, sagt Altmieks, sei westfälisch, deutsch und europäisch geprägt. In Deutschland mache man sich aber sofort verdächtig, wenn man sich mit seiner Heimat identifiziere. "Deutsche Identität wird immer gleich in Verbindung gebracht mit dem Nationalsozialismus."

Nicht engagiert?

Altmieks lacht viel, die Hände formen eine Raute. Nur einmal blitzt auf, wie groß seine Wut sein muss. Das Gespräch kommt auf die Flüchtlingsfrage. "Wenn man erst abwartet, bis die deutsche Ethnie eine Minderheit unter vielen ist, dann ist es zu spät, umzukehren!" Kurz braust Altmieks auf, dann bremst er sich wieder. Es sei schlimm, wie Menschen mit seiner Haltung heute angefeindet würden, sagt er. Man müsse Angst haben, mit Steinen und Flaschen beworfen zu werden. "Das erinnert mich an die Frühphase der Judenverfolgung." Ein abenteuerlicher Vergleich, der Identitären-Funktionär zieht ihn ganz selbstverständlich.

Harmlos klingt es auch, wenn Altmieks seinen Werdegang schildert: Als Gymnasiast in Paderborn habe er Gleichgesinnte gesucht, aber die CDU sei ihm zu links gewesen und die NPD zu radikal. Erst später, nach zwei Jahren als Zeitsoldat, sei er in neurechten Zeitschriften auf die Identitären gestoßen.

War er selbst nie in der rechtsextremen Szene aktiv? Altmieks lächelt, sucht kurz nach den richtigen Worten und sagt: Er habe sich dort "nicht engagiert".