In der Debatte um Einschränkungen beim Doppelpass hat Bundesforschungsministerin Johanna Wanka vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Aus dem Abstimmungsverhalten von Türken in Deutschland beim Verfassungsreferendum solle man keine unüberlegten Entscheidungen ableiten, sagte die CDU-Politikerin dem Focus. "Manche sind schnell dabei und sagen: 'Seht ihr, die folgen Erdogan, der Doppelpass fördert das.'"

Bei dem Verfassungsreferendum hatte eine Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken für das umstrittene Präsidialsystem und damit für zusätzliche Machtbefugnisse von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan gestimmt. Kurz darauf waren in der Union Forderungen nach einer Abkehr vom Doppelpass laut geworden. Die CDU kündigte ein Konzept zu einem "Generationenschnitt" an, wonach spätestens die zweite Generation der hier lebenden Türken nur noch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen soll.

Forschungsministerin Wanka warnte vor solchen in ihren Augen übereilten Maßnahmen. Grundlage müssten doch vielmehr "belastbare Aussagen sein, ob der Doppelpass wirklich die Integration behindert". Die Ministerin verwies auf wissenschaftliche Erhebungen, die eine Entscheidungshilfe für die Politik sein könnten: "Wir haben ein Forschungsprogramm für 18 Millionen Euro zum Thema Migration und Integration aufgelegt." Sie würde sich freuen, wenn dabei auch Antworten kämen auf die offenen Fragen zu Migranten aus der Türkei – in der ersten, zweiten oder dritten Generation.

Zudem forderte sie eine gründliche Analyse des Wahlverhaltens von Türken in Deutschland. "Es ist für mich völlig unverständlich, dass man in Deutschland lebt und für die Landsleute in der Türkei ein politisches System favorisiert, das viel autoritärer ist und weniger Freiheit zulässt", sagte sie. "Darüber kann man nicht einfach hinweggehen, dem müssen wir auf den Grund gehen."

Der Vorstoß der Unionsparteien nach einer Neuregelung der doppelten Staatsbürgerschaft trifft indes bei vielen Wählern auf Zustimmung. Laut des ARD-Deutschlandtrends spricht sich eine deutliche Mehrheit von 58 Prozent der Befragten gegen den Doppelpass. Nur etwa ein Drittel (35 Prozent) findet ihn gut. Fast zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) vertreten die Auffassung, dass sich die Bundesregierung nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei für ein Ende der EU-Beitrittsverhandlungen mit dem Land einsetzen sollte. Dagegen sind 28 Prozent der Befragten.