Man kennt das von Autos und von Dingen überhaupt, manchmal auch von Beziehungen: Was lässt sich noch reparieren und was ist schon so kaputt, dass man beginnt, sich nach Alternativen umzusehen? Einerseits hängt man am Gewohnten, andererseits lockt das Neue. Das gilt offenbar auch für die Demokratie.

Bei jenen, denen das souveräne Volk jetzt als bedrohlicher Populistenpöbel erscheint, wächst die Sehnsucht nach radikalen Lösungen. Warum nicht die ganze wackelige, real existierende Demokratie wegfegen und neu anfangen? Tabula rasa.

"Gegen Demokratie"

Das ungefähr ist die Lage, in der jetzt Jason Brennan die Bühne der Öffentlichkeit erobern will. Der Spiegel hat den Politikwissenschaftler von der Georgetown University gerade auf drei Seiten interviewt. An diesem Abend in Berlin ist seine Bühne ein kleiner Saal im Haus seines Verlages Ullstein, wo der amerikanische Philosoph sein neues Buch vorstellt.

Brennan will die Demokratie abschaffen. Das ist nicht zugespitzt, das steht so auf dem Cover. "Gegen Demokratie", große Buchstaben auf neonpinkem Hintergrund. Einige Exemplare hat der Verlag in einem hohen Regal in der Ecke der Bühne drapiert, sodass der plakative Titel wie eine Boulevardschlagzeile über diesem merkwürdigen Abend hängt.

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Brennan möchte nur noch die Vernünftigen wählen lassen, oder genauer gesagt: diejenigen, die weniger "biased" sind, also voreingenommen. Davon profitierten dann alle, weil die Vernünftigen nun mal besser wüssten, was für alle gut sei. Die meisten Menschen sind für Brennan nämlich politische "Hobbits" oder "Hooligans", also unpolitische Naivlinge oder blinde Parteigänger. Bestimmen sollen bitte die "Vulkanier", sein Idealbild des wahrhaft Vernünftigen. Alle Macht für Mister Spock.

Politik spaltet Gesellschaft

Man sitzt im Publikum und weiß nicht recht, wie man umgehen soll mit diesen "provokanten Forderungen", wie der Verlag sie verkaufsvorfreudig nennt. Es stimmt ja, Menschen haben Vorurteile und sind mindestens so emotional wie rational. Auch, wenn es um Politik geht. Sie lassen sich durch Fakten nur schwer von ihrer Meinung abbringen. Es gibt faszinierende Studien zum confirmation bias, zur Wahrnehmungsverzerrung durch den Wunsch nach Bestätigung. Brennan fächert das alles auf ("there is data on that", sagt er immer wieder) und zeigt, wie politische Lager es sich in ihren Vorurteilen bequem machen und sich gerade die Privilegiertesten und politisch Aktivsten eben nicht mehr den Meinungen der Gegenseite aussetzen – wie Politik Gesellschaft spaltet.

Aber deshalb Menschen entmündigen, wieder zu Untertanen machen? Es gibt so viele naheliegende Einwände gegen Brennans Vorschläge. Zum Beispiel der Einwand, dass auch Menschen, die viel wissen, schädliche Dinge tun können. Oder mit der Gegenfrage, wer denn eigentlich entscheiden soll, welche Bürger vernünftig genug sind zum Wählen, und was das überhaupt genau sein soll, Vernunft? Außerdem: gehört es nicht zur politischen (und privaten) Freiheit, auch Schaden anrichten zu können?

Brennan gegenüber sitzt Ulrike Guérot, die Politikwissenschaftlerin ist die zweite Rednerin an diesem Abend. Von ihr erscheint auch bald ein Buch bei Ullstein, eine besorgte Analyse der europäischen Gegenwart. Und als Brennan seine Thesen vorgestellt hat, greift Guérot zum Mikro und räuspert sich noch mal. Dann lässt sie die alten Griechen los auf Brennan.