Sich für Kinder einzusetzen, macht sich immer gut, besonders in Wahlkampfzeiten. Und die Empörung ist ja zu Recht groß, wenn man sieht, wie in Afghanistan, Bangladesch, im Irak, Syrien oder auch im Iran 13-, 14-, 15-Jährige oder noch Jüngere mit wesentlich älteren Männern gegen ihren Willen verheiratet werden, die manchmal ihre Großväter sein könnten. In manchen Ländern werden Mädchen regelrecht verkauft und versklavt.

Mit den Flüchtlingen ist dieses Problem zu uns gekommen. Denn viele Eltern in arabischen oder asiatischen Ländern verehelichten ihre minderjährigen Töchter vor oder während der Flucht mit älteren Angehörigen oder anderen Männern – aus Not oder um sie vor dem Missbrauch durch andere Männer zu schützen.

1.475 verheiratete Kinder und Jugendliche wurden 2016 in Deutschland gezählt, davon waren 481 noch keine 16 Jahre alt. Eine kleine, aber nicht unbedeutende Zahl.

Kinderehe - Heiraten erst ab 18 Das Verbot von Kinderehen wurde im Kabinett verabschiedet. Ein Überblick darüber, wie viele Personen betroffen sind und was sich für sie ändert © Foto: Mohammed Sawaf / Getty Images

Die Bundesregierung will nun alle auch im Ausland geschlossenen Ehen, in denen ein Partner unter 16 ist, gesetzlich für nichtig erklären, als hätten sie nie bestanden. Auch Ehen mit 16- und 17-Jährigen sollen von Gerichten generell aufgehoben werden, hier soll es aber in Härtefällen Ausnahmen geben. Gleichzeitig soll das Ehealter gleichfalls auf generell 18 angehoben werden. Bislang gibt es hier Ausnahmen, wenn ein Partner über 16 ist und ein Gericht zustimmt.

Grundsätzlich ist es gut, dass sich die Politik der Frage annimmt. Denn hinter dem Begriff "Kinderehe" verbergen sich nicht selten Missbrauch, Vergewaltigung und Ausnutzung der Mädchen. Das kann einer liberalen, weltoffenen und fürsorgenden Gesellschaft nicht gleichgültig sein, auch wenn die Verbindung im Ausland geknüpft wurde. Das Kindeswohl steht bei uns zu Recht weit oben.

Doch das Gesetz gegen die Kinderehen, das Leid beseitigen soll, schafft neues Leid. Die unglücklichen Kinderbräute werden erneut zu Objekten. Denn wenn der Entwurf so durchs Parlament geht, werden einreisende Paare künftig an der Grenze auf der Stelle getrennt, wenn einer der beiden Partner unter 16 ist. Die 14-jährige Afghanin oder die 15-jährige Syrerin käme in ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, ihren "Mann" dürfte sie vorerst nicht mehr sehen. Da werden Paare und Familien zerrissen, auch wenn sie unserer Norm nicht entsprechen.

Auch für die hier schonen lebenden Kinderbräute bleibt keine Wahl: Ihre Ehen werden mit einem gesetzlichen Federstrich beseitigt, ohne dass sie überhaupt angehört werden, als ob sie kein Recht hätten, über ihr eigenes Schicksal mitzusprechen und mitzuentscheiden. Sicher, viele werden die erzwungene Trennung von ihrem aufgezwungenen Mann als Befreiung empfinden. Auch für sie muss dann gesorgt werden. Was aber, wenn sie sich mit einer solchen arrangierten Ehe arrangiert haben oder sie sogar freiwillig eingegangen sind, und sie sich nun nicht trennen wollen? Kommt dann die Polizei, um sie wegzuholen? Oder werden sie versuchen, dennoch mit ihrem nun unehelichen Partner zusammenzubleiben, auch ohne einen von den deutschen Behörden anerkannten Trauschein?