Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigt die doppelte Staatsbürgerschaft trotz massiver Kritik auch aus den eigenen Reihen. "Ein Türkischstämmiger mit Doppelpass kann ebenso loyal zu Deutschland stehen wie ein Türkischstämmiger, der nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt", sagte Merkel dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Zudem gehe es um die Frage, "wie wir Menschen schon möglichst früh von unserer Art zu leben, unserem Grundgesetz, unseren Werten überzeugen".

Merkel verlangte, dass eine ernsthafte Debatte darüber geführt werde, wie Integration gelingen kann. "Das Thema Staatsbürgerschaft gehört mit dazu, aber es ist sicher nicht das entscheidende", sagte sie.

Die Bundeskanzlerin muss sich seit Wochen Kritik aus den eigenen Reihen anhören. In der CDU und der CSU fordern immer mehr Politiker, dass die doppelte Staatsbürgerschaft abgeschafft oder die Regelung zumindest reformiert wird.

Bis Dezember 2014 wurden in Deutschland geborene Kinder von Ausländern zu Deutschen und behielten zunächst auch die Staatsangehörigkeit der Eltern. Zwischen ihrem 18. und 23. Lebensjahr mussten sich die meisten von ihnen jedoch entscheiden und einen der beiden Pässe abgeben. Diese Pflicht wurde durch eine Vereinbarung von Union und SPD in der Bundesregierung aber abgeschafft.

Die doppelte Staatsbürgerschaft blieb umstritten. Im Dezember 2016 sprach Merkel ein Machtwort innerhalb der CDU. Damals waren die Delegierten auf dem CDU-Parteitag überraschend von dem Kompromiss um die doppelte Staatsbürgerschaft mit dem Koalitionspartner SPD abgerückt. Die Bundeskanzlerin machte daraufhin klar, dass in der laufenden Legislaturperiode an der Vereinbarung festgehalten werde.

Ende März wurde bekannt, dass die doppelte Staatsbürgerschaft aber eine Rolle im Wahlkampf spielen soll. In einem Papier des Netzwerks Integration der CDU wird ein Generationenschnitt vorgeschlagen. Demnach würden in Deutschland geborene Kinder von Einwanderern die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten – für die Enkel wäre aber Schluss. Sie sollen nur noch den deutschen Pass bekommen. Laut einem Bericht des Spiegels sei die Bundeskanzlerin bereit, eine entsprechende Regelung mitzutragen.

Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagte Angela Merkel, dass sie keine Angst vor diesem Wahlkampfthema habe. "Die Bürger erwarten zu Recht von uns, dass wir die Probleme lösen, die sie beschäftigen." Es mache den Menschen "Sorgen, wenn von Einzelnen Recht und Gesetz nicht eingehalten werden". Die Bürger würden von der Politik erwarten, dass man konsequent dagegen vorgehe. "Das bedeutet zum Beispiel auch, dass Migranten, die bei uns nach Abschluss aller rechtlichen Verfahren keine Bleibeberechtigung haben, unser Land wieder verlassen müssen."

Befeuert wurde die Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft in den vergangenen Wochen vor allem durch das Abstimmungsverhalten der Deutschtürken beim Referendum in der Türkei. Zwei Drittel der in Deutschland lebenden Wahlberechtigten stimmten in türkischen Konsulaten für die Reform, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan praktisch zum Alleinherrscher macht. Das entfachte eine neue Integrationsdebatte, bei der dem Doppelpass immer wieder eine zentrale Rolle beigemessen wurde.