Was macht Martin Schulz eigentlich gerade? Noch vor wenigen Wochen hätten wohl die meisten diese Frage fast zu jeder Tageszeit beantworten können. Da musste man nur den Fernseher anschalten und man sah den SPD-Retter durch irgendeine bundesdeutsche Turnhalle schreiten. Da verging kaum eine Nachrichtensendung ohne die Bilder der strahlenden Klatschpappen-Jusos und der beseelten Alt-Sozis, die sich an früher erinnerten, an Willy oder Helmut oder wen auch immer, zumindest an die guten alten Zeiten.

Doch die Bilder sind aus den Nachrichten und Newsfeeds verschwunden. Die aufgeregten Neumitglieder sind in die Satzungen der Ortsvereine eingetaucht, Auguren sehen die SPD wieder deutlich hinter der Union. In neuen Umfragen sieht es gar so aus, als könne die SPD die sicher geglaubte Wahl in Nordrhein-Westfalen doch noch verlieren. So oder so, die Jubelstürme jedenfalls sind abgerissen.

Schulz brachte Charisma

Andersherum könnte man auch sagen: Das Verhältnis der Politbeobachter zum sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten hat sich rationalisiert, nachdem die Leitartikel wochenlang wie Sonntagspredigten klangen: der Heilsbringer aus Würselen, ein Erlöser, Gottkanzler, der Messias. Einer, der eine totgeglaubte Partei wiederauferstehen lasse. Zuerst klang das noch witzeln, später war es das ganz normale Vokabular.

Mit Schulz, so hieß es, kehre das Charisma in die Arena des Politischen zurück. Die emotionale, emphatische Herrschaft, basierend auf der Hingabe der Anhänger zu ihrer Erlöserfigur. Denn dieser trage die Kraft des Außeralltäglichen in sich. So schrieb es der große Theoretiker des Charismas, der Soziologe Max Weber, und so übertrugen es die Politdeuter auf den Messias der SPD. "Sankt Martin" nannte ihn der Spiegel auf seiner Titelseite.

SPD - "Der trifft einfach den Nerv der Zeit" Die SPD wirkt fast berauscht von Martin Schulz. Was erwarten Parteimitglieder von ihm und welche Fehler sollte er besser nicht machen? © Foto: Zeit Online

Der Hype war eine Projektion

Nun, wo der Hype nachlässt, die glühenden Wangen wieder blasser werden, zeigt sich: Die Basis des Schulz-Hypes lag weniger im Konkret-Faktischen als vielmehr in den Projektionen, Hoffnungen und Sehnsüchten. Der Furor um den neuen Mann der SPD sagt weniger über ihn aus als über den Gemütszustand einer Gesellschaft.

Grundsätzlich gilt: Eine Unzufriedenheit mit den Rationalitäten politischer Routine ließ sich bereits vor Schulz beobachten. Schon bei dem rasanten Aufstieg Karl-Theodor zu Guttenbergs blitzte sie auf, die Sehnsucht nach dem Außeralltäglichen, nach einem, der über den Dingen zu schweben schien.

Politik als Metapolitik

Und auch die AfD reüssierte, weil sie sich in den Sumpf der politischen Alltagsroutinen nie begab, nie vorgab, an Stellschrauben zu drehen, sondern das Große verändern zu wollen. Politik als Metapolitik – aufgepeitscht vom Wunsch nach einem "anderen Deutschland", wie ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen den Parteimitgliedern entgegenrief. Natürlich war diese Vision regressiv, gestrig, aber doch getragen vom Reiz des Antiinstitutionellen, dem Gestus der Revolution, der einst der Linken eigen zu sein schien. Die notorischen Hinweise der Etablierten, die AfD habe "keine Lösungen" anzubieten, wirkten da hilflos, fast kurios – lag doch gerade hierin das Erfolgsgeheimnis der AfD.

Nach Zeiten des Effizienzdenkens und der nüchternen Technokratie wächst, wie der Politikwissenschaftler Franz Walter schreibt, in den Gesellschaften das Bedürfnis nach Inspiration und Sinnstiftung, nach Umkehr oder Neubeginn, nach Transzendenz und entfesselten Leidenschaften. Dann wünscht man sich den Charismatiker, der die Erstarrungen aufbricht, virtuos auf politische Stimmungen reagiert, neue Wege bahnt, den Esprit des Ungewohnten versprüht.

Martin Schulz - Höheres Bafög und Ehe für alle Der SPD-Kanzlerkandidat, Martin Schulz, spricht sich im Interview mit ZEIT Campus ONLINE für eine Erhöhung der Studienförderung aus. Auch zur Rentenfinanzierung äußerte er sich. © Foto: Andreas Prost/ZEIT ONLINE