Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.


Jonathan Rossbach hat sich an die hinterste Ecke des langen Tischs gesetzt. Er ist 14 Jahre alt. Er ist einer Partei beigetreten, die in den vergangenen Jahren in Thüringen nur noch verloren hat. Warum? 

Die Partei riecht auch an diesem Abend etwas muffig, nach alter Holzverkleidung, aufgewärmten Würstchen und Menschen im Feierabend. Die Eisenacher Sozialdemokraten haben sich im zweiten Stock des Hauses versammelt, über dessen Eingang groß "Goldener Löwe" steht.

Sie wollen über den dräuenden Bundestagswahlkampf beraten. Auch die Freunde aus dem benachbarten Wartburgkreis sind da; aus dem Unstrut-Hainich-Kreis ist eigens der Landrat angereist. Man sagt "Genosse" zueinander.

Nach dem Ausschlussprinzip

Genosse Jonathan also. Jünger geht es nicht in einer deutschen Partei. Obwohl er den Bundestag noch längst nicht wählen darf, will er doch mitschreiten, Seit' an Seit'.

Hat man mit 14 Jahren nichts Besseres zu tun? Das Gesicht von Jonathan wird noch bisschen röter, als es sowieso schon ist. Dann erzählt er von seiner Familie, in der schon immer über Politik geredet wurde und darüber, dass man doch jetzt, da die Flüchtlinge hier seien, nicht mehr abseits stehen könne. Der Rest der Begründung steht sehr groß auf seinem Kapuzenpullover: "FCK NZS". Fuck Nazis.

Doch warum ausgerechnet die SPD? "Ich habe das nach dem Ausschlussprinzip entschieden." Jonathan versucht sich an einem Grinsen. Die CDU kam für ihn nicht infrage, die Grünen gibt es dort nicht, wo er wohnt, in dem kleinen Dorf Seebach nahe Eisenach. Also die Sozialdemokraten.

Um Jonathan herum, am großen Tisch im Goldenen Löwen, machen sich die Genossen daran, zu diskutieren, was in der politisch-medialen Blase der Schulz-Effekt genannt wird. Alle sollen reihum sagen, was sie vom neuen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten halten. Kein Bild ist zu hoffnungsfroh, um nicht hervorgeholt zu werden. "Es weht ein neuer Wind durch die Partei", sagt einer. "Jetzt ist Bewegung drin", ein zweiter. "Wir haben ein Stück unserer Seele wiedergewonnen", ein dritter. 

Jonathan nippt nervös an seiner Vita-Cola. Dann ist er an der Reihe. "Schulz ist etwas Neues", sagt er. "Der will etwas verändern." Am Tisch nickt es freundlich. Dann wird ihm sein Parteibuch überreicht, das sehr rot leuchtet.  

Eisenach ist überall

Nun ist es so, dass es in den vergangenen Jahren in der Thüringer SPD ziemlich selten vorkam, dass ein 14-Jähriger vom Dorf vorbeikam und Mitglied werden wollte. Im Gegenteil: Die Partei drohte auszusterben. In Eisenach, wo mehr als 40.000 Menschen leben, zählt der Ortsverband nur noch etwa 60 Mitglieder. Die SPD stellt gerade einmal vier der 36 Stadträte, längst hat die Linke den früheren sozialdemokratischen Oberbürgermeister abgelöst.  

Und Eisenach ist überall. Die Thüringer Landespartei hat inzwischen weniger als 4.000 Mitglieder, ein normaler Unterbezirk in Nordrhein-Westfalen kommt auf mehr. Bei der Landtagswahl 2014 stürzte die Partei auf 12,4 Prozent ab. Damit hat sie es in die nationalen Top Ten der schlechtesten Wahlergebnisse der Nachkriegszeit geschafft.

Träumen von Schröder

Dass die SPD in Thüringen überhaupt noch wahrgenommen wird, verdankt sie ausgerechnet der AfD. Jenseits dieser Partei war keine Regierungsmehrheit ohne die Sozialdemokraten möglich. Nachdem die Thüringer SPD mehrfach den kleineren Koalitionspartner der CDU gegeben hatten, versuchen die Genossen es nun gemeinsam mit den Grünen unter dem ersten linken Ministerpräsidenten – wobei ziemlich ungewiss ist, wie das Experiment ausgeht. Die regionalen Umfragen waren zuletzt mehr als trüb.