Verkehrte Welt: In Europa, wo die Todesstrafe seit Langem nicht nur verpönt, sondern grundsätzlich verboten ist, findet sie unter etlichen Politikern inzwischen einige neue, namhafte Anhänger. Hingegen stößt sie dort, wo sie grundsätzlich erlaubt ist und Todesurteile nach wie vor verhängt und vollstreckt werden, auf immer größeren Widerstand.

Der türkische Präsident Erdoğan zum Beispiel ist für die Wiedereinführung der Todesstrafe und will sein Volk darüber abstimmen lassen. Dasselbe versprach die Französin Marine Le Pen ihren Wählern. Auch Ungarns Premierminister Orbán liebäugelte vor einiger Zeit mit dieser Idee. Doch nahm er nach Drohungen aus Brüssel davon Abstand. Denn noch gilt: Wer die Todesstrafe erlaubt, kann nicht Mitglied der Europäischen Union bleiben oder werden.

Dieser Satz drückt die prinzipiell unterschiedliche Sichtweise und Philosophie aus, mit der Amerika und Europa, die Neue und die Alte Welt, auf die Todesstrafe blicken: "Vernünftige Menschen können durchaus unterschiedlicher Auffassung darüber sein, ob Tod eine angemessene Strafe ist. Aber niemand sollte hingerichtet werden, wenn es noch eine Möglichkeit gibt, dass diese Person unschuldig ist." So argumentierten die Verteidiger des bis zuletzt seine Unschuld beteuernden 51-jährigen Ledell Lee, der am vergangenen Donnerstag im US-Bundesstaat Arkansas mit einer Giftspritze hingerichtet wurde.

Nein, in Europa können vernünftige Menschen nicht unterschiedlicher Auffassung über die Todesstrafe sein. Sie ist eine unmenschliche und grausame Sanktion und darum aus Prinzip verboten. Die Achtung des Lebens verlangt vom Staat, dass er niemanden tötet, den er in seinen Händen hält, also bereits festgenommen hat – und sei es der schlimmste Verbrecher. Bloße Rachegedanken sind unserem Recht fremd.

Fehlerhafte Todesurteile

In den USA hingegen argumentiert man weniger grundsätzlich als rechtlich-pragmatisch. Die Todesstrafe ist dort nicht schon per se eine unmenschliche und grausame Sanktion, doch können dies die Art und Weise ihrer Ausführung und die diversen Begleitumstände sein. Immer mehr Bundesstaaten sind davon überzeugt, dass genau dies der Fall ist.

Eine vollstreckte Todesstrafe, sagen die Gegner, sei nicht mehr umkehrbar, falls sich später ein Justizirrtum herausstelle. In der Tat: Seit es DNA-Tests gibt, haben sich Dutzende von Fehlurteilen herausgestellt. So musste zum Beispiel das FBI zugeben, dass fehlerhafte forensische Untersuchungen in mehr als dreißig Fällen zu einem Todesurteil geführt haben.

Oft müssen Todeskandidaten jahrzehntelang in ihrer Zelle ausharren. Ledell Lee wurde zum Beispiel 22 Jahre nach seiner Verurteilung hingerichtet. Die Todesstrafe ist außerdem rassistisch, weil sie unverhältnismäßig viele Schwarze trifft. Und ungerecht, weil Arme sich keinen teuren Verteidiger leisten können. Vor allem aber verursacht die Hinrichtung immer wieder höllische Qualen. Darum sagen die Gegner: Solange nicht zweifelsfrei gewährleistet werden könne, dass ein Todeskandidat während der Exekution nicht besonders leiden müsse, sei die Todesstrafe unmenschlich und grausam.