Am späten Donnerstagnachmittag steht Angela Merkel in einem fliederfarbenen Jackett in einem modernen Mehrzweckbau und trägt sich in ein Gästebuch ein. "Stadthalle Beverungen" liest Merkel halblaut vor, ganz so, als versuche sie gerade erst herauszufinden, wo es sie diesmal hinverschlagen hat.

Beverungen, das dürfte Merkel bisher eher kein Begriff gewesen sein. Obwohl das 14.000-Einwohner-Städtchen ganz im äußersten Ostwestfalen im "schönsten Kreis Deutschlands liegt, der die höchste Dichte an Museen und Freizeiteinrichtungen aufweist", wie der örtliche Landtagskandidat versichert.

Wozu sie da ist, das immerhin dürfte Merkel sehr bewusst sein. Sie soll die CDU im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf unterstützen. Wie wichtig dieser Wahlkampf auch aus Berliner Sicht ist, zeigt sich schon an der schieren Zahl der Auftritte: Gleich acht Mal ist Merkel in diesen Wochen in Nordrhein-Westfalen unterwegs. Im zeitgleich laufenden Wahlkampf in Schleswig-Holstein tritt sie nur viermal auf, ins Saarland kam sie gar nur zweimal. Und auch ihr SPD-Konkurrent um das Kanzleramt, Martin Schulz, verbringt derzeit ganze Tage mit Händeschütteln zwischen Rhein und Ruhr.

Als Merkel schließlich ans Mikrofon tritt, kann man allerdings erst einmal den Eindruck haben, hier spreche gar keine Wahlkämpferin, sondern die oberste Demokratielehrerin des Landes. Wenn die Menschen in 17 Tagen die Wahl hätten, dann gehe es nicht um sie oder um Armin Laschet, den CDU-Spitzenkandidaten, sagt sie. "Nein, es geht um Sie", ruft Merkel ihren knapp tausend Zuhörern in der randvollen Halle zu. Jetzt sei die Möglichkeit mitzugestalten. Da solle jeder genau abwägen, was er sich für sein Bundesland wünsche.

Schulz in der Offensive

Abwägen? Nicht mit Martin Schulz. Von der ersten Minute an geht der SPD-Chef in die verbale Offensive, als er fast zeitgleich mit Merkel rund 120 Kilometer westlich steht und die Stadthalle Werl auf Betriebstemperatur bringt. Die linke Hand lässig in der Hosentasche, die rechte zur kämpferischen Faust geballt, schwört er mehrere hundert Genossen auf die Linie von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ein: "Für uns beginnt Gleichberechtigung mit der Geburt", ruft er über die grauen Haaransätze der Zuhörer hinweg in den Raum mit den roten Backsteinwänden und den braunen Bodenfliesen aus den siebziger Jahren. "Und deshalb ist das Motto dieser Landesregierung richtig: Kein Kind zurücklassen." Am Rand des Ruhrgebiets, im sozialdemokratischen Stammland, ist ihm bei solchen Sätze stürmischer Applaus sicher.

In NRW geht es für die beiden Volksparteien um viel. Weil das Land groß ist, gilt die Landtagswahl hier als Test für die Bundestagswahl wenige Monate später. Nur ein Unterschied bleibt: Wenn die SPD verlöre, träfe Schulz das ungleich härter, als eine CDU-Niederlage Merkel schmerzen würde. Denn Schulz hat sein politisches Schicksal an den Ausgang der Landtagswahl geknüpft: "Wenn Hannelore hier gewinnt, werde ich Bundeskanzler", hatte er zum Wahlkampfauftakt in Essen vor drei Wochen gesagt. Dazu kommt: Schulz stammt selbst aus NRW, aus Würselen, wie er nicht müde wird zu betonen. Heimvorteil kann auch heißen: zum Siegen verdammt.

Von Nervosität ist bei dem SPD-Kandidaten trotzdem nichts zu spüren. Wie immer bei solchen Auftritten spricht er ohne Manuskript und pendelt mühelos zwischen den Themen hin und her: Von Donald Trump geht's zur Nato, weiter zu Gerhard Schröder, dem Irak-Krieg, Willy Brandt, den Gewerkschaften, Tarifabschlüssen, der AfD und Marine Le Pen – und zwischendurch landet Schulz immer wieder bei sozialdemokratischen Brot-und-Butter-Themen.

"Keine Gruppe ist verletzlicher als alleinerziehende Mütter", ruft er. Dann greift er Merkel und die Union frontal an, auch wenn er sie stets nur "Mitbewerber" nennt: "Unser Mitbewerber will 15 Milliarden Steuerentlastung, 20 Milliarden mehr in die Rüstung investieren und den Soli abschaffen. Jens Spahn von der CDU hat angekündigt, wo das Geld herkommen soll: kürzen bei den Sozialleistungen." Die vornehmlich älteren Genossen im Saal sind aufrichtig empört. Und jubeln umso eifriger, als Schulz verspricht, stattdessen in Kitas zu investieren.