Was hatten sie nicht alle gezittert: Damals, in jenen Februartagen, als der neue SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sich anschickte, nicht nur die Herzen seiner Partei, sondern auch die der Wählerschaft zu erobern.

Man werde die Bundestagswahl nicht im Stil einer Bilanzpressekonferenz gewinnen, lästerte CSU-Finanzminister Markus Söder in München. CDU-Chefin Angela Merkel müsse endlich angreifen, forderten die jungen Draufgänger in der CDU. Auch hinter vorgehaltener Hand wurden viele Sorgen ventiliert. Würde die nüchterne Merkel der emotionalen Wucht ihres Herausforderers etwas entgegensetzen können? Wirkte sie nicht müde und ideenlos? Hatten die Wähler nicht langsam einfach mal genug von ihrem Gesicht?

Nur dreieinhalb Monate später dagegen scheint es, als liege diese Phase der Zweifel bereits eine Ewigkeit zurück. Einer der Kritiker von damals schreitet am Montagvormittag durchs Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. "Der Schulz-Zug ist defekt", sagt er zufrieden. "Wer hoch fliegt, kann tief fallen", stichelt ein anderer führender CDU-Politiker. Und auch wenn der Mann mit der SPD fast schon Mitleid empfindet: Die Sozialdemokraten seien an ihrer Lage selbst schuld. Wieso mussten sie es auch zulassen, dass Schulz von seinen Fans zum "Gottkanzler" ausgerufen wurde?

Auch Angela Merkel macht, als sie gegen Mittag gemeinsam mit dem strahlenden Wahlsieger von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, in der Parteizentrale vor die Journalisten tritt, einen ziemlich entspannten Eindruck. Häme? Nein, die gibt es von ihr natürlich nicht. Freudenausbrüche sind auch nicht so ihr Ding. Aber dass sie zufrieden ist damit, dass man bei allen drei Landtagswahlen in diesem Jahr "jeweils doch sehr, sehr gut abgeschnitten" habe, das räumt sie immerhin ein. "Man konnte allen die Freude anmerken", so klingt Euphorie bei ihr.

Nach dem Saarland und Schleswig-Holstein nun also der Sieg in Nordrhein-Westfalen, dem Stammland der SPD. Von allen Triumphen der vergangenen Wochen ist dies für die CDU zweifellos der wichtigste. Nicht nur wegen der schieren Größe des Bundeslands, sondern auch weil ein Sieg der Christdemokraten dort als am unwahrscheinlichsten galt.

Schulz kämpft, Merkel regiert

Merkel hat in allen Bundesländern Wahlkampfhilfe geleistet. In Nordrhein-Westfalen war sie jedoch am häufigsten unterwegs. Auffällig dabei: War im vergangenen Jahr noch jede Wahlkampfveranstaltung der Kanzlerin von lauten "Merkel muss weg"-Rufern begleitet worden, kamen solche Proteste nun höchstens noch vereinzelt vor. Doch wichtiger als die konkreten Auftritte dürfte für die Wahlkämpfer ohnehin gewesen sein, dass Merkel sich in Berlin von der Nervosität ihrer Partei nicht anstecken ließ, sondern sich auf das konzentrierte, was sie am besten kann: das Regieren.

Während Schulz sich bei seinen Auftritten in der Provinz verkämpfte, dominierte Merkel mit internationalen Auftritten die Schlagzeilen. Lagen die SPD und Schulz kurz nach seiner Nominierung in Umfragen vor Merkel und der CDU, so sind die gewohnten Verhältnisse mittlerweile fast wieder hergestellt. In den neuesten Umfragen beträgt der Abstand zwischen CDU und SPD wieder bis zu zehn Prozentpunkte, und Merkel liegt bei der Kanzlerpräferenz erneut mit weitem Abstand vor ihrem Herausforderer. Dass die CDU-Spitzenkandidaten ihre Erfolge auch der Kanzlerin zu verdanken haben, zeigt sich daran, dass viele Menschen auch bei den Landtagswahlen die CDU vor allem wegen Merkel wählten.

Das alles lässt die CDU für die Bundestagswahl natürlich hoffen. Zumal die Partei, wie Merkel am Montag ankündigte, inhaltlich ähnliche Schwerpunkte setzen will wie bei den Landtagswahlen. Auch im Bundestagswahlkampf soll es um Wirtschaft und Arbeit, Innere Sicherheit und Bildung gehen. Wie Merkel das Trumpf-Thema ihres Konkurrenten, die Gerechtigkeit, kontern will, ließ sie auch schon mal durchblicken. Gerechtigkeit sei wichtig, sagte sie. Doch die Voraussetzung dafür sei Innovation. Da setze die SPD die falschen Prioritäten.

Noch ist vieles offen

Trotz aller Zuversicht weiß man aber natürlich auch bei der CDU: Der Bundestagswahlkampf ist noch lange nicht gelaufen, er fängt erst an. Das gilt vor allem für die programmatische Auseinandersetzung. Wie werden Merkel und Schulz mit dem Thema Europa umgehen? Und kann die Kanzlerin sich in der Steuerpolitik, bei dem Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft sowie ein Islamgesetz gegen ihre innerparteilichen Kritiker durchsetzen? In dieser Hinsicht ist noch vieles offen. Auffällig oft betonte Merkel am Montag, dass die CDU die Landtagswahlen "gemeinsam" gewonnen habe und dass das auch das Grundprinzip für den Bundestagswahlkampf sein solle. Die CSU immerhin hat sich zuletzt mit Querschüssen zurückgehalten. Auch das sei ein wichtiger Grund für die Erfolge bei den Landtagswahlen gewesen, heißt es in der Partei.