Wenn Ursula von der Leyen energisch wirken will, stellt sie das Kampflächeln ab, mit dem sie allmorgendlich in den Arbeitstag zieht und eilt energiegeladen an all den Kameras, die sie stets begleiten, so ungerührt vorbei, als seien sie gar nicht da. Oder vielmehr: Sie versucht es. Kurz bevor sie verschwindet, huscht ihr in aller Regel doch noch ein verstecktes Lächeln über die Lippen. Energisch sein macht ihr halt Spaß.

An diesem Tag möchte die Verteidigungsministerin besonders energisch wirken. Denn Großes gilt es zu bewältigen, vor allem große Probleme. Es geht um Rechtsextremismus in der Bundeswehr, um einen, womöglich mehrere Soldaten unter Terrorverdacht – und um die unselige Tradition in der Bundeswehr, Vergehen, die sanktioniert gehören, zu vertuschen oder kleinzureden.

Von der Leyen ist zusammen mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, und großem Pressetross zum deutsch-französischen Bataillon ins elsässische Illkirch geflogen, um zu erfahren, wie das alles passieren konnte. Wie der mittlerweile festgenommene Oberleutnant Franco A. eine Masterarbeit schreiben konnte, die sein französischer Prüfer als "rassistisch" und ein deutscher Gutachter als "radikalnationalistisch" einstuften, seine Vorgesetzten aber für unbedenklich erklärten.

Wie Franco A. ein Hakenkreuz in seinen Gewehrschaft ritzen, Wände mit Postern von Wehrmachtssoldaten schmücken und mit Nazi-Schmierereien bekritzeln konnte – und sich niemand daran störte. Wie es kam, dass ein offen rechtsextremistischer Oberleutnant von seinen Vorgesetzten als "einer unsere Fleißigsten, einer unserer Besten" beurteilt wurde. Und wie Franco A. es schaffte, im Elsass Dienst zu leisten und gleichzeitig eine zweite Identität anzunehmen, in einem Asylverfahren in Bayern als syrischer Flüchtling subsidiären Schutz erhielt und einen Anschlag plante. 

Vor allem aber ist von der Leyen nach Illkirch gekommen, um energisch zu wirken. Um zu zeigen, dass sie mit all dem Schmutz Schluss machen möchte. Wäre sie nicht deutsche Verteidigungsministerin, sondern, sagen wir mal, ein französischer Ex-Präsident, würde sie es wohl so sagen: "Hier müsste man mal mit dem Kärcher durchgehen." Stattdessen sagt sie: "Die Wehrmacht kann in keiner Weise traditionsstiftend für die Bundeswehr sein." Der Kärcher wäre die klarere Botschaft gewesen.

Es geht um mehr als nur um Oberleutnant Franco A.

Von der Leyens großes Reinemachen folgt nicht allein den Vorgängen um den Oberleutnant Franco A.. Da ist noch mehr. Sondershausen, Pfullendorf, Illkirch: Diese drei Standorte stehen für menschenverachtende Schikane, sexuelle Erniedrigung und Rechtsextremismus – für Verhalten und Einstellungen, mit denen die Bundeswehr nichts zu tun haben sollte, mit denen sie in den vergangenen Wochen aber immer wieder Schlagzeilen machte:

In Sondershausen beschimpften zwei Hauptfeldwebel Soldaten als "genetischen Abfall", der "aussortiert" gehöre und ließen sie so lange laufen, bis sie zusammenbrachen. In Pfullendorf wurden bei der Ausbildung von Sanitätern sexistische Initiationsrituale praktiziert. Frauen hatten an einer Pole-Stange, die in Striplokalen zum Einsatz kommt, vorzutanzen. Auszubildende mussten sich ihren Anus tamponieren. Und in Illkirch galt der rechtsextreme Franco A. seinen Vorgesetzten als Mustersoldat. Was allen drei Fällen gemeinsam ist: Die jeweiligen Vorgesetzten waren über das Treiben ihrer Untergebenen informiert. Und sie unternahmen: nichts.

Daher unternimmt von der Leyen nun was: Sie prangert "falschen Korpsgeist", "Haltungsproblem" und "Führungsschwäche" bei der Bundeswehr an. Und verspricht, der Kultur der Bagatellisierung ein Ende zu setzen.