Am Mittwochabend, vier Tage vor der Landtagswahl, steht Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann in einer Kneipe in der Altstadt von Düsseldorf und liest Beschimpfungen von Moderationskarten ab. Der kleine Raum in der Brauerei Kürzer ist eng gefüllt mit Grünen, manche im Partei-T-Shirt. Löhrmann liest: "Die Grünen, das ist in meinem Umfeld nur noch ein Schimpfwort". Und weiter: "hirnlos, kinderlos, geschlechtslos, verantwortungslos". Schweigen im Raum. Wie soll man darauf reagieren? Einige schütteln den Kopf, halb empört, halb belustigt. Der Kellner bringt neues Bier.

Als "Hate Slam" war diese Veranstaltung angekündigt. Es sollte ein großer, oder zumindest ein kleiner Spaß werden für die treuen Anhänger. Aber dass sich Grüne die bösesten Wählerkommentare und die übelsten Briefe untereinander vorlesen – vielleicht war das doch keine so gute Idee. Nicht gerade jetzt.

Die Grünen in Nordrhein-Westfalen stecken in ihrer tiefsten Krise seit Jahren. Umfragen sehen sie aktuell bei sechs bis sieben Prozent Zustimmung. Das wäre ihr schlechtestes Ergebnis seit 2005 und ein schlechtes Zeichen für die Bundestagswahl im Herbst, bei der Prognosen sie aktuell auch nur bei sieben Prozent sehen.

NRW - Grüne kämpfen gegen schlechte Umfragewerte Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen drohen den Grünen Stimmenverluste. © Foto: picture alliance / Roland Weihrauch/dpa

Demonstrative Gelassenheit

Die Grünen sagen zwar, wie das alle Parteien bei schlechten Werten tun, dass Umfragen nicht wichtig wären. Und dass sich sowieso viele Wähler erst in den letzten Tagen und auf den letzten Metern ins Wahlbüro entscheiden. Aber erstens nehmen sie die Umfragen doch so wichtig, dass sie, wenn auch noch nicht öffentlich, sehr darüber grübeln, woran es liegt. Und zweitens müssen ja auch diese Last-Minute-Stimmen erst noch gewonnen werden, wofür es wiederum hilfreich wäre, Punkt eins hinreichend gelöst zu haben. 

Im Brauhaus Kürzer in Düsseldorf ist Sylvia Löhrmann jetzt durch mit den Beschimpfungen. Sie muss jetzt den Bogen finden, etwas Positives daraus machen. Also sagt sie: "Ich zitiere dazu mal Bertolt Brecht: 'Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.' Und ich finde, wir haben den Auftrag, dagegen zu arbeiten!" Das ist kämpferisch, immerhin, und die Anhänger in der Kneipe applaudieren. 

Unterstützung vom Erfolgsgrünen

Löhrmann ist stellvertretende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, seit sieben Jahren. Dieser Landtagswahlkampf ist schon ihr dritter als Spitzenkandidatin. Vielleicht ist das schon Teil des Problems? Die Grünen sind gerade sehr gut darin, immer wieder die gleichen paar Leute in die erste Reihe zu stellen. In Nordrhein-Westfalen macht es eben Löhrmann. Und im Bund machen es nach aufwendiger Basisabstimmung die erprobten und sattsam bekannten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt. Und eben nicht dieser eine aus dem Norden, dieser Robert Habeck.

Habeck ist sowieso interessant. Denn er hat es am vergangenen Wochenende bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein auf 12,9 Prozent gebracht. Auch bei ihm war es schon die dritte Runde als Spitzenkandidat, wie bei Löhrmann auch, daran allein kann es also nicht liegen.

Aus dem Norden ist Habeck jetzt nach NRW gekommen, um beim Wahlkampf zu helfen. "Ich habe Rückenwind mitgebracht", sagt er. Habeck steht am Donnerstagmittag, noch drei Tage bis zur Wahl, auf einer Bühne in der Fußgängerzone von Köln. Alle sind sie da. Löhrmann, Umweltminister Johannes Remmel, Özdemir, Göring-Eckardt und Claudia Roth, die "Präsidentin der Herzen", wie Özdemir sie nennt. Man kann sie jetzt direkt vergleichen, wie sie da ihre kleinen Reden halten und Fragen beantworten. Özdemir gibt den Einheizer, Göring-Eckardt die Maßvolle, Claudia Roth bringt wie immer jenes moralische Feuer mit, das auch der Hate Slam am Vorabend sehr gut hätte vertragen können. Habeck aber ist der Charmanteste. Das ist oberflächlich und wenig sachpolitisch, aber Wahlkämpfe sind das zu einem guten Teil auch.